BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Heinrich von Rang

1429 - 1472

 

 

Das Aalener Stadtratsgedicht

 

um 1450

 

Textgrundlage:

Kurt Gärtner, Das Stadtratsgedicht

Heinrichs von Rang,

in: Aalener Jahrbuch 1978,

hg. vom Geschichts- und

Altertumsverein Aalen, S. 45-74,

Edition und Kommentar

 

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Thomas von Aquino und Seneca naturlich

schreiben vier ding loblich

ainem jeden menschen gleich

baide arm und ouch reich,

5

und darnach vier ding schädlich

ainem jeglichen landt sicherlich.

 

Das erste ding, das loblich ist,

das merckent hie zu diser frist:

ain jeglich mensch mit Worten zu eren

10

und sein schandt zu kainer stund meren.

 

Das ander, sich geprauchen der warhait

mit worten und wercken in stetigkait,

wann der lugenhaftig mundt

macht sich got und der welt unkundt.

 

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Das dritt, niemant zu beschadigen,

hindern noch an seinem glimpf laidigen

noch an gunst, leib oder guot,

wann das niemant saligs tuot.

 

Das vierdt, mit den guoten wandeln

20

und alle sache mit tugent handeln,

mit sinnen und mit witzen,

so magst du das himelreich besitzen.

 

Aber die vier schädlichen ding

machent dem menschen misseling:

25

ain regierer one tugent,

er sei in alter oder in jugent.

 

Das gemain volck on ordenlich straf

machet allenthalben unlauf

und pringet dick groß schandt

30

in stetten und auf dem landt.

 

Wa die burger die gesetzt nicht halten

und die nach irem willen schalten,

das pringet irer stat nit guot,

desgleich ob man das auf dem lande thuot.

 

35

Die jungen on gehorsamkait

machent vil gezengks und unsaligkait,

wann weliche aigen muotwillig sein,

verdienen damit der helle pein.

 

Auch setzent die maister vier sachen,

40

die ainen menschen salig machen:

das ain, wer dienet getreulich

und volbringet das emsigklich.

 

Das ander merck arm und reich:

wer die leuf der welt offenlich

45

und haimlich wol verstet

und in allen mit warhait nachget.

 

Das dritt ich euch sag:

wer die gaub der welt vermeiden mag

und wer alle morgen

50

des ersten got dienet mit sorgen.

 

Das vierd ich offenpar mach:

wen ains andern schad und sach

weise und fürsichtig machen mag,

der dancke got nacht und tag.

 

55

Also seindt ouch vier sachen,

die den menschen unsälig machen.

das erst, wer in sweren sunden leit

und seinem nechsten sein ere abschneidt.

 

Das ander, wer übel tuot

60

und seinem nächsten betrübt seinen muot,

so er möcht guot verpringen,

dem mag kainest wol gelingen.

 

Das dritt, wer nichtz kan

und zu lernen schäm will hōn;

65

darumb lerne zu aller frist,

bedenck warzu du gesetzt bist.

 

Das vierdt, wer den andern möcht leren,

davon man got und die wëlt möcht eren,

und das alles versäumen thuot,

70

des ende wirt selten guot.

 

Hierumbe merckent an diser frist,

wer in ainen rat erwelet ist,

der in eren wëlle alten,

der solle diß lere behalten.

 

75

Zum ersten sol ain jeglicher rat

bedencken frü und ouch spat

ainer stat nutz und fromen,

ist das er will zu eren komen

und iren schaden wenden,

80

wa er in erfert an allen enden,

und kainest geruochen,

sein aigen nutz vor der stat nutz zu suochen.

 

Zum andern mal guot, willig und gehorsam sein

ainem burgermaister und dem raut sein

85

und zu rat gōn sein gerecht,

im gepiet herr oder knecht;

wann wer seinem herren nit lieb tuot,

der tuot im selten dienste guot.

gedenck jederman was er swere,

90

so behelt er guot und ere.

 

Zum dritten sol er sich fleissen so er beste kan,

kumpt für in ain armman,

dem er tuon soll sein wort,

so ist das der höchst hort,

95

das er im mit vernunft erzelt,

darumb er in hat erwelt;

und wirt dardurch verprüft

und für weis angerüft.

 

Zum vierdten wol bedencken,

100

was man im thuot anhencken,

das er mit fleiß mercken sol,

so scherpft er sein vernunft wol;

dann es kompt gar oft auß vergessen

grosser schad ungemessen

105

den, die für solich rät komen,

und pringt den räten selten fromen.

 

Zum funften gepirt sich ouch wol,

das er mercklich underschide haben sol

under grossen und clainen Sachen,

110

groß fur groß und klain als klains zu achten;

doch in clainem als wening sein liederlich

als in grossem stetiglich

und gedencken mit grossem fleiß,

das darauß nit wachs verweiß.

 

115

Zum sechsten lernen von den alten,

das er sich sënft und gütig wiß zu halten

mit guoter rede und hoflichem gepreche

und damit nit sein zu gäch,

und das zu aller stundt

120

das hertze gleich sag dem mund;

dann wer ain zwifache zungen hat,

der ist zu hassen an aller stat.

 

Zum sibenden hört im zu,

empsig zu sein spat und fru,

125

glimpfig, läufig zu aller stundt,

und zem wol, der rechnen kundt;

und solle sich in vil sachen

jederman nicht gemain machen.

vest und erber soll er sein,

130

so meret sich das lobe sein.

 

Zum achtenden guoter sitten, züchtiger geperde,

damit macht er sich lieb und werd,

und sich nit überheben zu kainer frist,

das er in den rat erwelet ist

135

vor andern sein geleichen,

sie seien arm oder reichen;

dann ain anderer villeicht wer

darzu als guot als er.

 

Zum neunden sich vor spilen hüten

140

und kainest als ain rüffion wüten,

uberessen und übertrincken

machent in an eren hincken;

man sieht selten hie auf erden,

wer das übet, das er müg weiß werden;

145

und ob ain solicher wol vernunft hat,

dannocht acht man sein an kainer stat.

 

Zum zehenden soll er sein mit dem rat

großmütig, vest und unverzagt

und bestendigen starcken fürsatz hon

150

und das durch niemant lon;

doch wann er nit redlich ursach hat,

sich piegen und handeln nach weiser rat

und nicht frauenlich volgen seinem houpt,

dardurch er seiner gerechtigkait wirt beraubt.

 

155

Zum ailften, das merckent eben,

sol er sein sinn darzu geben,

das auf die trüwe sein genaigt werde

zu gemainem nutz, ee er seins begert,

zu guoter regierung, der stat wirdigkait

160

und des lands bequemlichkait,

dann im selb silber und golt zu meren,

thunt ouch die genanten maister leren.

 

Zum zwölften die gerechtigkait vorab

und gerecht leut lieb hab

165

und im zimpt on underlaßen,

und boßhait der bosen zu hassen;

des gerechten lob und eren

zimpt im allzeit zu meren,

die boßhait, die offenbar ist,

170

peinigen und strafen zu aller frist.

 

Zum dreitzehenden solt du, junger man,

nit vil wort sein zuvoran;

biß die frage kome an dich,

so bedenck daß notturftiglich;

175

waißt du nit wol zu raten eben,

so volg dem, der guoten rat hat geben,

wann es ist dir ain schmach,

machst ain besunders on ursach.

 

Zum viertzehenden halten aufrecht

180

gen menglich, sie sein herr oder knecht,

und kainest durch gunst vallen ab

zu der gerechten handt durch miet oder gab

noch zu der glincken handt durch ungunst,

durch neid prauch nit soliche kunst;

185

das recht der kaiserlichen strassen sei

jederman in deinem hertzen frei.

 

Zum funftzehenden, das in rautz weise

geredt wirt mit gantzem fleisse,

gar vast hainlich halten

190

und nit offenbaren jungen noch alten,

weder weib, vater oder kinden

noch kainerlei haußgesinden;

auß rat reden wechßet unrat

ainem rat und dem, der das geredt hat.

 

195

Zum sechtzehenden nit zu weichen,

dem armen als dem reichen

recht zu geben und zu nemen;

sich will aber jetzunt niemant schemen,

das er dem andern rechtens vorgat

200

umb das er mer gewalts, guots und eren hat;

darumb gestandt jederman bei

nicht anders dann recht sei.

 

Zum sibentzehenden in allen sachen

gleich weg mit vernunft machen;

205

wann was in ainer Sache muß sein,

bedencks nach notturft in dem hertzen dein,

was darin zimet nach erberkait

und was sich gepürt nach geleichait,

was bequemlich sei nach gelegenhait

210

und was nutz sei on underschaidt.

 

Zum achtzehenden, was auszurichten ist,

sölle man verziehen zu kainer frist,

wann es kompt dick durch lässigkait,

das man verleuist gewonhait und gerechtigkait;

215

und wer von rat zu botschaft erwelet wirt,

der thue sein fleiß als im gepürt

und als ob es sein aigen sache sei,

so ist er pillich nachrede frei.

 

Zum letsten, was nötigs zu pawen ist,

220

das thu paldt in kurzer frist

und versorgs zu rechter zeit eben,

das man nit zwifach gelt muß geben;

man sol sich kain costen beturen lon,

davon ain stat nutz und ere mag hon;

225

man mag wol verliesen durch ersparen,

das hart wider zu pringen ist oder gar verloren.

 

Welicher junger rat ditzs lere merckt,

der wirt underweiset und gesterckt

ain tail des grunds der weißhait

230

und wirt dardurch wolberait,

andre junge ouch zu leren,

und mag sich selb halten bei eren

und werden ouch behalten.

vier ding die ziment den alten.

 

235

Das erste zimpt alle zeit,

der nutze, fruchtbere wort geit.

das ander bedencken eben,

guot hailsam rat zu geben.

das dritt frid und ainigkait

240

machen zwischen zwitrechtigkait.

das vierd ainfaltigen armen leuten

underweisung zu beteuten.

 

(Des tichters nachrede)

 

Dits sei also den jungen

mitgetailt zu disen stunden.

245

die alten ich mich nit vermiß zu leren,

ich bin ler von in begeren,

dann sich niemant schemen sol,

lerte in ain junges kindt wol.

was ich hie geschriben hon,

250

das hon ich im allerbesten getōn.

got gebe uns zu raten und ze leren,

das wir seinen willen und lob meren,

das es sei der gemaind nützlich,

unsern selen seligklich,

255

gen got dem allmächtigen belonlich,

es namen wir loben billich.

der ditz also gereimet hat,

dienet zu Auln des reichs stat,

und sein nam ist sicherlich

260

von Rang genant Hainrich.