Friedrich Gottlieb Klopstock
1724 - 1803
Oden und Elegien
Darmstadt 1771
|
|
|
_____________________________________________________________________________________________
|
|
6> |
Das Anschauen Gottes.1759
Mit Zittern freu ich mich,Und würd es nicht glauben;Wäre der nicht der EwigeDer mirs verheissen hat!Denn ich weiß es ich fühl es:Ich bin ein Sünder!Würd es wissen und fühlen;Wenn auch sein göttliches LichtHeller mir meine Flecken nicht zeigte,Nicht enthüllteMeiner Seele Todesgestalt!Mit tief anbetendem Erstaunen,Im Stande zitternd, freu ich mich!Ich werde Gott schauen!
Forsch ihm nach, dem göttlichsten Gedanken,Den du zu denken vermagst,O die du, nah am Grabe deines Leibes,Doch ewig bist!
Nicht, daß du wagtestIns Allerheiligste zu gehen!Viel unüberdachte,Viel nicht geprießne, nicht gefeyerte,Himmlische GnadenSind im Heiligthume,Ausser dem Allerheiligsten.
Von ferne, nur von ferne,Nur einen gemilderten Schimmer,Damit ich nicht sterbe!Einen für mich durch NachtGemilderten SchimmerDeiner Herrlichkeit seh ich.
Wie groß war der, der beten durfte:Hab ich Gnade vor dir gefunden; so laß michDeine Herrlichkeit sehen!Der so zum UnendlichenBeten durft', und erhört ward!
Ins Land des Golgatha kam er nicht!An ihm rächt' es ein früherer Tod,Daß er Einmal, nur EinmalNicht glaubte!Wie groß zeigt ihnSelbst die Strafe!
Und doch verbarg der Vater ihnIn eine Nacht des Bergs,Als vor dem EndlichenDes Sohnes HerrlichkeitVorübergieng!
Als die Posaun auf Sinai schwieg,Und die Stimme der Donner!Als GOtt von GOtt sprach!
Uneingehüllt durch Nacht,In eines Tages Lichte,Das keine Schatten sichtbarer machen,Schaut er nun Jahrhunderte schon,(Wir haltens für Jahrhunderte!)Ausser den Schranken der Zeit,Ohn Empfindung des Augenblicks,Dem der Augenblick folgt,Schaut er nunDeine Herrlichkeit,Heiliger!Heiliger!Heiliger!
Namloseste Wonne meiner Seele!Gedanke des künftigen Schauns;Du, du bist meine grosse Zuversicht,Du bist der Fels,Auf den ich trete,Und gen Himmel schaue,Wenn die Schrecken der Sünde,Des Todes Schrecken,Wenn sie fürchterlich drohn,Mich niederzustürzen!
Auf diesen Felsen, o du,Den nun die Todten Gottes schaun,Laß mich stehn,Wenn mich die AllmachtDes unbezwingbaren TodesEinst ringsum einschließt!
Erheb, o meine Seele, dichUeber die Sterblichkeit!Blick auf, und schau!Schau oft, so wirst du stralenvollDes Vaters KlarheitIn JEsu Christi Antlitz schaun!
Hosianna! Hosianna!Die Fülle der GottheitWohnt in dem MenschenJEsu Christo!
Kaum schallt der Seraphim Harfe noch,Sie bebt!Kaum tönt ihre Stimme noch,Sie zittert! sie zittert!
Hosianna! Hosianna!In dem Menschen JEsu ChristoWohnt die Fülle der Gottheit!
Selbst damals, da einer der Strahlen GottesAuf unsere Welt,Jene Weissagung heller leuchtet,Da sie völlig erfüllt ward;Da er verachtet und elend war,Als kein anderer MenschVerachtet und elend war!Selbst damals erbliktenNicht die SünderAber die Engel erbliktenDes Vaters KlarheitIm Angesichte des Sohnes!
Ich seh, ich sehe den Zeugen!Neun entsezliche MitternächteHatt' er gezweifelt!Hatt' er mit der Schmerzen BängstenAnbetend gerungen!
Ich seh ihn, und ahnende Freuden,Wie keine der Freuden ist,Welche die Erde nur giebt,Durchbeben, erschrecken mich!Glühn an meiner Stirn!Schlagen in meinem Herzen!Ich seh ihn!
Ihm erscheint der Auferstandene! - - -Seine Hände legt erIn des Göttlichen Wunden!Himmel und Erde vergehen um ihn!Auch er sieht die Wahrheit des VatersIm Angesichte des Sohns.Ich hör, ich hör, ich hör ihn!Er ruft!(Himmel und Erde vergehen um ihn!)Er ruft!Mein HErr! und mein GOTT! |