Friedrich Gottlieb Klopstock
1724 - 1803
Oden und Elegien
Darmstadt 1771
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Die Allgegenwart Gottes.1758
Als du mit dem Tode gerungen,Mit dem Tode!Heftiger gebetet hattest!Als dein Schweiß und dein BlutAuf die Erde geronnen war;In der ernsten StundeThatest du jene grosse Wahrheit kund,Die Wahrheit seyn wird,So lange die Hülle der ewigen SeeleStaub ist!Du standest, und sprachstZu den Schlafenden:Willig ist eure Seele;Allein das Fleisch ist schwach!
Dieser Endlichkeit Loos,Diese Schwere der ErdeFühlt auch meine Seele,Wenn sie zu GOtt, zu GOtt!Zu dem Unendlichen!Sich erheben will!
Anbetend, Vater, sink ich in Staub, und fleh!Vernimm mein Flehn, die Stimme des Endlichen,Mit Feuer taufe meine Seele,Daß sie zu dir sich, zu dir, erhebe!
Allgegenwärtig, Vater, umgiebst du mich! - - -Steh hier, Betrachtung still, und forscheDiesem Gedanken der Wonne nach!
Was wird das Anschaun seyn,Wenn der Gedank' an dich,Allgegenwärtiger!Schon so viel Kräfte jener Welt hat!Was wird es seyn dein Anschaun,Unendlicher! Unendlicher!
Das sah kein Auge,Das hörte kein Ohr,Das kam in keines Herz;Wie sehr es auch rang,Wie es nach GOtt auch, nach GOtt!Nach dem Unendlichen, dürstete,Kams doch in keines Menschen Herz:Was GOtt bereitet hat,Denen, die ihn lieben!
Wenige nur, ach, wenige sind,Deren Aug in der SchöpfungDen, der geschaffen hat, sieht!Wenige, deren OhrIn dem mächtigen Rauschen des Sturmwinds.Im Donner, der rollt,Oder im lispelnden Bache,Den Unerschafnen hört!Wenige Herzen erfülltMit Ehrfurcht und SchauerGottes Allgegenwart!
Laß mich, im Heiligthume,Dich, Allgegenwärtiger!Stets suchen, und finden!Und wenn es mir entflieht,Dieser himmlische Gedanke,Laß mich ihn tiefanbetendAus den Chören der Seraphim,Ihn mit lauten Thränen der Freude,Herunter rufen!Damit ich, dich zu schaun,Mich bereite, mich weihe,Dich zu schaun!Im Allerheiligsten!
Ich hebe mein Aug auf, und sehe,Und siehe der HErr ist überall!Erd, aus deren StaubeDer erste der Menschen geschaffen ward,Auf der ich mein erstes Leben lebe!In der ich verwesen,Aus der ich auferstehn werde!GOtt, GOtt würdigt auch dich,Dir gegenwärtig zu seyn!
Mit heiligem SchauerBrech ich die Blum' ab!GOtt machte sie!GOtt ist, wo die Blum' ist!
Mit heiligem SchauerFühl ich das Wehn,Hier ist das Rauschen der Lüfte!Es hieß sie wehen, und rauschen,Der Ewige!Wo sie wehen, und rauschen,Ist der Ewige!
Freu dich deines Todes, o Leib!Wo du verwesen wirst,Wird der Ewige seyn!
Freu dich deines Todes, o Leib!In den Tiefen der Schöpfung,In den Höhen der Schöpfung,Werden deine Trümmern verwehn!Auch dort, Verwester, Verstäubter,Wird Er seyn, der Ewige!
Die Höhen werden sich büken!Die Tiefen sich büken!Wenn der Allgegenwärtige nunWieder aus StaubeUnsterbliche schaft!
Halleluja dem Schaffenden!Dem Tödtenden Halleluja!Halleluja dem Schaffenden!
Ich hebe mein Aug auf, und sehe!Und siehe, der HErr ist überall!Euch, Sonnen, euch, Erden, euch, Monde der Erden,Erfüllet, ringsum mich,Seine göttliche Gegenwart! - -
Geheimnißvolle Nacht der Welten,Wie wir in dem dunkeln Worte schaunDen, der ewig ist!So schaun wir in dir, o Nacht der Welten,Den, der ewig ist!
Hier steh ich Erde!Was ist mein LeibGegen diese selbst den EngelnUnzählbare Welten!Was sind diese selbst den EngelnUnzählbare WeltenGegen meine Seele!
Ihr, der Unsterblichen, ihr, der ErlöstenBist du näher als den Welten;Denn sie denken, sie fühlenDeine Gegenwart nicht!
Mit stillem Ernste dank ich dir,Wenn ich sie denke!Mit Freudenthränen, mit namloser Wonne,Dank ich, o Vater! dir,Wenn ich sie fühle!
Augenblike deiner Erbarmungen,O Vater, sinds;Wenn du das himmelvolle GefühlDeiner AllgegenwartIn meine Seele strahlst!
Ein solcher AugenblikIst ein JahrhundertVoll Seligkeit! - -
Meine Seele dürstetWie nach der AuferstehungVerdorrtes Gebein!So dürstet meine SeeleNach diesen AugenblikenDeiner Erbarmungen!
Ich lieg, ich liege vor dirAuf meinem Angesicht!O läg' ich, Vater, noch tiefer vor dirGebükt in dem StaubeDer untersten der Welten!
Du denkst, du empfindest,O die du seyn wirst,Die du höher denken,Und seeliger empfinden,Die du anschaun wirst!Durch wen, o meine Seele?Durch den, der war! und der ist! und der seyn wird!
Du, den Worte nicht nennen,Deine noch ungeschaute GegenwartErleucht und erhebeJeden meiner Gedanken,Leit ihn, Unerschafner, zu dir!Entflamm, und beflügleJede meiner Empfindungen,Leite sie, Unerschafner, zu dir!
Wer bin ich, o Erster!Und wer bist du! -Wer bist du! -
Stärke, kräftige, gründe mich,Daß ich dein sey,Auf ewig dein sey!
Ohn ihn, der sich für mich geopfert hat,Könnt ich nicht dein seyn!Ohn ihn wär deine GegenwartFeuereifer und Rache!
Erd und Himmel vergehn;Deine Verheissungen, Göttlicher, nicht!Von dem ersten Gefallenen an,Bis zu dem lezten Erlösten,Den die Posaune der AuferstehungVerwandeln wird,Bist du bey den Deinen gewesen,Wirst du bey den Deinen seyn!
In die Wunden deiner HändeLegt ich meine Finger nicht!In die Wunde deiner SeiteLegt ich meine Hand nicht!Aber du bist mein HErr! und mein GOtt!
Mit Gnade sey mir gegenwärtig,Mit Gnade! mit Gnade!
Es sind Worte des ewigen Lebens,Die du betetest,Eh du in GethsemaneIns Gericht giengst!
Hallet, Himmel, sie!Stamml', o Erde, sie nach!
Laß alle sie eins seyn!Wie du, Vater, in mir bist,Wie ich in dir bin!So laß alle sie eins in uns seyn!Ich in ihnen!Und du in mir!Daß sie zu Einer VollkommenheitVollendet werden!
Hallt die Worte des ewigen Lebens,Stamml', o Erde, sie nach!
Der für mich mit dem Tod rang!Den GOtt für mich verließ,Der ist in mir!
Gedanke meines tiefsten Erstaunens,Ich bebe vor dir!Da die Winde gewaltiger wehten,Die höhere Wog' auf ihn strömte,Sank Kephas!Ich sinke!Hilf mir, mein HErr! und mein GOtt! |