BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724 - 1803

 

Oden und Elegien

 

Darmstadt 1771

 

 

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Petrarch und Laura.

 

Anderen Sterblichen schön, mir kaum angeschaut,

Ging der silberne Mond vorbey.

Thränend wand ich von ihm mein melancholisches

Müdes Auge dem Dunklen zu.

Dreymal schlug mir mein Herz. Dreymal erbebtest du

In mir, Tochter des ewigen Hauchs,

Seele, zur Liebe gemacht. Dreymal erschrekte dich

Deiner Einsamkeit bang Gefühl.

Hätte die dich gesehn, der du erzittertest,

Der du seufzend unsterbliche

Thränen weintest, die selbst wehmuthsvoll edlere

Weinet - ach! vielleicht wäre sie

Durch die Thränen erweicht. Ach! vielleicht hätte sie

Eine Thräne mit dir geweint!

Aber süsere Ruh dekte mit Fittigen

Ihres friedsamen Schlummers sie,

Und ihr göttliches Herz, weit über mein's erhöht,

Hub gelinder die heil'ge Brust.

Mich nur flohe die Ruh, und mein Gespiele sonst,

Mein geselliger sanfter Schlaf

Ging dem Auge vorbey, und dem sanftthränenden

Ihm zu wachen und bangen Blik.

Tief in die Dämmerung hin sah es, und suchte dich,

Seiner Thränen Gesellin, auf,

Dich des nächtlichen Hains Sängerin, Nachtigall.

Doch du sangest mir izo nicht.

Dein mitweinender Ton, dein melancholisch Ach,

Auch der schwache Trost fehlte mir.

Endlich schlummert' ich ein, und ein Unsterblicher

Schloß mitleidig mein Auge zu.

Hast du mich weinen gesehn, o du Unsterblicher,

Der mitleidig mein Auge schloß,

O so sammle sie ein, sammle die heiligen

Thränen in goldene Schalen ein,

Bring sie, Himmlischer, dann zu den Unsterblichen,

Denen zärtlich ihr Herz auch schlug:

Zu der göttlichen Rowe oder zur Radikin,

Die im Frühlinge sanft entschlief,

Oder zur Doris hinauf, die noch ihr Haller weint,

Wenn er die jüngere Doris sieht:

Damit Eine vielleicht, von den Unsterblichen

Mein mir ewiger Schmerz bewegt,

Damit Eine vielleicht, hat sie mein Schmerz bewegt,

Aus den hohen Versammlungen

Niedersteige, das Herz jener, die thränenvoll

Mein unsterblicher Geist verlangt,

Zu erweichen, und sie zu den Empfindungen

Heil'ger Zärtlichkeit einzuweihn.

Also dacht' ich, und schlief. Und der Unsterbliche

Gab mitleidig mir einen Traum.

Laura sah ich im Traum, bey ihr den fühlenden

Liedervollen Petrarca stehn.

Sie war jugendlich schön. Nicht wie das leichte Volk

Rosenwangichter Mädchen ist,

Die gedankenlos blühn, und im Vorübergehn

Von der Natur, und im Scherz gemacht,

Leer an Empfindung und Geist, leer des allmächtigen

Triumphirenden Götterbliks.

Laura war jugendlich schön - Ihre Bewegungen

Sprachen alle die Göttlichkeit

Ihres Herzens - Und werth, werth der Unsterblichkeit,

Trat sie hoch im Triumph daher,

Schön wie ein festlicher Tag, frey wie die heitre Luft,

Voller Einfalt, wie die Natur.

An ihr klopfendes Herz legte Petrarca sich.

Also sprach der Glükselige:

«Ach, dein klopfendes Herz, was für Empfindungen

Schlägt's mir in den bewegten Geist!

Jeder aufwallende Hauch deiner beseelten Brust

Hebt mich zu den Unsterblichen!

Ach! wie ruh ich so süs! laß mich! die Seele faßt

Deiner Liebe Gewalt nicht mehr!

Laura, Laura! mein Geist hebt sich, voll süser Lust,

Auf die Hügel der Seligen!

Auf die Hügel der Ruh, wo die Entzükungen

Um mein trunknes Haupt taumelnd fliehn!

Singet, Söhne des Lichts, meiner Empfindungen

Unaussprechliche süse Lust!

Singt sie! ich weine sie nur - Ja, die Unsterblichkeit

Wein' ich froh von der Liebe durch!»

Mein Petrarca! Sie sprachs; aber nun redeten

Frohe Seufzer und Thränen nur.

Ach! wie fliest ihr, so sanft unter Umarmungen,

Ewigkeiten voll Ruh, vorbey!

Daß wir uns geliebt, ach! wie belohnt uns dies

Unsres Nachruhms Unsterblichkeit,

Auf der unteren Welt! Unserer Zärtlichkeit

Folgt dort Enkel und Enkelin.

Enkel, die ihr ihr folgt, euch soll die goldne Zeit

Lächelnd Blumen und Kränze streun!

Ihr sollt glüklicher seyn, als es Monarchen sind,

Mehr als goldene Könige.

Euch gehorche das Spiel, das von der Leier tönt,

Singet, würdig der Ewigkeit,

Würdig der, die euch liebt - Gebt sie den folgenden

Späten Tagen zum Muster hin.

Enkelinnen, die ihr Laurens Empfindung habt,

Euch verfliese die goldne Zeit,

Wie ein ewiger May, wie ein gefei'rter Tag,

Unter süsen Umarmungen.

Ihr solt glüklicher seyn, als die Monarchinnen,

Mehr, als Töchter der Kön.ge!

Euch nur singe das Spiel, das von der Leier tönt,

Seyd unsterblich, wie Laura ist!