Paul Brandt
1861 - 1932
Von Athen zum Tempethal.Reiseerinnerungen aus Griechenland
1894
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5. Theben.
So erwachten wir denn am Morgen des zweiten Reisetages mit dem erhebenden Bewußtsein, uns in der uralten sagenberühmten Stadt des Kadmos und just auf der Kadmea selbst zu befinden. Aber wie erstaunten wir, uns plötzlich mitten in eine üppig grünende, in herrlichstem Baumschmuck prangende Umgebung versetzt zu finden.
Carl Rottmann, Theben (1842)
Auch Helios war uns günstig und goß sein schönstes Licht über die Frühlingslandschaft aus:Ἀκτὶς δελίου, τὸ κάλλιστον ἑπταπύλωι φανὲνΘήβαι τῶν προτέρων φάος,Ἐφάνθης ποτ᾽, ὦ χρυσέας ἁμέρας βλέφαρον,Διρκαίων ὑπὲρ ῥεέθρων μολοῦσαso konnten wir mit den beglückten Kadmeonen in Sophokles’ Antigone ausrufen. Und in der That, welche Erinnerungen stürmten auf uns ein an dieser Stätte, an deren Bedeutung in Sage und Geschichte außer Athen keine zweite Stadt Griechenlands heranreicht!Hier auf der Kadmea ist es vor allem die Sage von dem phönikischen Kadmos, die in uns lebendig wird, wie sie sich auch im Altertum mit besondrer Zähigieit an diesen Ort geheftet hat. Glücklicherweise aber brauchen wir heute nicht die alte gelehrte Streitfrage zu entscheiden, ob wir jene Sage wirklich als den Nachklang einer eigentlich phönikischen Niederlassung hier mitten im Binnenlande aufzufassen haben, oder ob die orientalischen Züge der Sage erst in späterer Zeit auf den ἥρος ἐπώνυμος des in Theben einheimischen Heroengeschlechts der Kadmeionem die schon Homer (Il. IV 385 u. a.) erwähnt, übertragen worden sind. Freilich setzt sich auch die einheimische Gründungssage von Amphion und Zethos, die Antiope, des Asopos Tochter, an der Quelle am Fuß von Eleutherä dem Zeus gebar, mit der Kadmossage in Widerspruch: sie nahmen Rache für die Mißhandlung ihrer Mutter, machten sich zu Herren von Theben und ließen Dirke, die Hauptfrevlerin, durch einen Stier zu Tode schleifen. Von ihnen sagt die Odyssee XI 263:οἳ πρῶτοι Θήβης ἕδος ἔκτισαν ἑπταπύλοιο,πύργωσάν τ᾽, ἐπεὶ οὐ μὲν ἀπύργωτόν γ᾽ ἐδύναντοναιέμεν εὐρύχορον Θήβην, κρατερώ περ ἐόντε.und es ist wohl nur eine Verschmelzung beider Versionen, wenn der Athener Pherekydes die Sage so darstellt, als ob Zethos und Amphion Theben für Kadmos gegen die feindlichen Phlegyer befestigt hätten.Dann sind es die Sagen von Odipus und der Sphinx, von dem Zwist seiner Söhne Eteokles und Polyneikes und dem Zug der Sieben gegen Theben, von der die ungeschriebenen Satzungen der Götter über Menschengebot stellenden Antigone und endlich von dem zur ersten Zerstörung Thebens führenden Epigonenkriege, die an diesem ehrwürdigen Boden haften.In historischer Zeit finden wir Theben, nachdem es das vordem mächtige Orchomenos bezwungen, kraft seiner centralen Lage in der untern böotischen Ebene eifrig bemüht, seine Obmacht über die andern gleichberechtigten böotischen Städte auszudehnen. Damals war es, als Eleutherä sich für immer an Athen anschloß, auf welches es durch seine natürliche Lage hingewiesen wurde, während Platää und Oropos sich wenigstens zeitweise den Athenern in die Arme warfen. Der Haß gegen das mächtig aufstrebende Athen ist es denn auch, der die feige Politik Thebens in den Perserkriegen wesentlich mitbestimmte, er trat dann später besonders während des peloponnesischen Krieges hervor, der mit der erbitterten Belagerung und Einnahme von Platää beginnt und nach dem Wunsche der Thebaner mit der gänzlichen Vertilgung Athens geendet hätte, wären nicht die Spartaner selbst diesem Gelüsten entgegengetreten. Die Thebaner würden die ersten gewesen sein, die Athens Vernichtung zu bereuen gehabt hätten, denn bald nach der Demütigung der verhaßten Gegnerin fanden sie an ihr eine Stütze gegen die Übergriffe des frühern Bundesgenossen. Wie die athenischen Flüchtlinge in Theben gastfreundliche Aufnahme gefunden und von dort aus Thrasybulos die Herrschaft der Dreißig gestürzt hatte, so vertrieb andrerseits von Athen aus Pelopidas 379 die spartanische Besatzung der Kadmea und rief ganz Böotien zum Kampf gegen die Vormacht Spartas auf. Die kurze Hegemonie Thebens fiel mit dem Tode des Epominondas in der Schlacht bei Mantinea 362 in sich zusammen; wie wenig es aber auch zu einer dauernden Oberleitung Griechenlands befähigt gewesen wäre, zeigte sich bald im zweiten heiligen Krieg, durch dessen Entfesselung es Philipp Gelegenheit gab, sich in die innern Angelegenheiten Griechenlands einzumischen. Selbst der Heldenmut, mit dem es an der Seite Athens bei Chäronea kämpfte, vermochte jenes Unrecht nicht wieder gut zu machen, denn nun lagen beide dem Sieger zu Füßen. Jetzt erhielt die Kadmea eine makedonische Besatzung und schwer rächte bekanntlich Alexander die Empörung der Stadt nach seines Vaters Philipp plötzlichem Tode; von der allgemeinen Zerstörung blieben nur die Tempel und Pindars Haus verschont (336). Erst 315 wurde sie durch Kassander wieder hergestellt, sank aber später immer tiefer herab, so daß sie schon zu Hadrians Zeit auf ihren ersten Umfang, dieKadmea, zusammengeschrumpft war. Nur im Mittelalter hob sie sich noch einmal durch blühende Seidenwebereien, bis sie unter der Türkenherrschaft zu einem elenden Dorfe herabsank. Heute nimmt Theben wie vor alters wieder den Kadmeahügel ein, der, von zwei parallelen Hauptstraßen und mehreren Querstraßen durchschnitten für die Zahl von 3500 Einwohnern Raum genug bietet. Leider wird es immer wieder von Erdbeben heimgesucht, und nicht lange nach unsrer Rückkehr meldeten die Zeitungen von einer neuen Katastrophe, die 100 Häuser betroffen haben soll.Eines aber hat sich die Stadt von alters her noch heute bewahrt, den unverwüstlichen Wasserreichtum und den prangenden Schmuck der Gärten, der auch uns so sehr überraschte. Der Wasserreichtum kam uns auch für unsre Toilette sehr zu statten, und nur wenige Nachtquartiere (von Athen abgesehen) gab es, wo wir mit diesem edlen Naß so verschwenderisch umgehen durften wie hier an den dirkäischen Fluten.Nur die frühen Morgenstunden konnten wir zu einem Rundgang in dem alten Stadtgebiet verwenden, da wir noch am selben Tage nach Orchomenos weiterfahren sollten. Aber da außer den Mauerresten so gut wie nichts aus dem Altertum erhalten ist, so genügte diese Zeit, um uns über die Lage der Stadt sowie über den Zug der Mauern und die Lage der Thore im wesentlichen zu orientieren.Wir wandten uns zuerst durch die eine der beiden Hauptstraßen der Südgrenze des Kadmeahügels zu. Während derselbe auf der West- und Ostseite steil zu den tief einschneidenden Wasserrinnen der Platziótissa (Dirke) und eines andern zwischen dieser und dem Ismenos fließenden Rinnsals abfällt, ist er auf dieser Seite weniger scharf von den übrigen welligen Höhen des Teumessos geschieden. An dieser Stelle fiel die Stadtmauer mit der Mauer der Kadmea zusammen. Dies ergibt sich aus dem Bericht über die Belagerung und Erstürmung Thebens durch Alexander. Denn wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, so hätten die Thebaner nicht nötig gehabt, ein aus einer doppelten Pallisadenreihe bestehendes Außenwerk zu errichten, um den König, der vom Norden nach dem Süden der Stadt herumgezogen war, von der makedonischen Besatzung auf der Burg zu trennen. Der Zug der Mauer ließ sich an dem immerhin noch steilen Abhang deutlich verfolgen, ein bis vor wenigen Jahren sichtbarer Turm war verschüttet. Hier in der Senkung zwischen der Kadmea und dem östlich von ihr sich erhebenden Hügel ist auch das nach Athen führende Elektrische Thor zu suchen, während die heutige Straße ziemlich genau in der Mitte der Südmauer der Kadmea das Stadtgebiet verläßt. Dort an einem reichlich fließenden Brunnen bot sich uns ein anziehendes Bild. Frauen in prächtiger Festtracht tränkten hier ihre Reittiere; sie schienen aus den umliegenden Orten gekommen zu sein und hatten ihre Säuglinge mitgebracht, um hinaus zum Kloster des heiligen Lukas zu wallfahrten, das sich auf den Trümmern eines alten Tempels, und zwar ohne Zweifel desjenigen des Apollo Ismenios, angesiedelt hat. Dorthin sah man sie, den Säugling im Arm, hinausreiten, und auch auf dem Wege nach Livadia begegneten wir nachher solchen Gruppen, die, wenn der Mann neben dem Esel oder Maultier einherging, das Mutter und Kind trug, lebhaft an die bekannte Darstellung der Flucht nach Ägypten erinnerten.Da es Osterzeit war, so lautete der Gruß der uns Begegnenden Χριστὸς ἀνέστη, der mit dem Gegengruß ἀληθῶς ἀνέστη zu beantworten ist.Rechts von der Straße nach Athen fiel uns sogleich die byzantinische Wasserleitung ins Auge, zur Zeit der fränkischen Herzöge mit Benutzung eines antiken Werkes angelegt, das der selbst wasserlosen Kadmea vom Kithäron her Wasser zuführte und selbstverständlich dem Kadmos zugeschrieben wurde.Von hier stiegen wir abwärts zu der den Burghügel im Westen bespülenden rasch und reichlich fließenden Dirke. Doch machten wir einen kleinen Umweg, denn an dem Hauptwege lag ein halbverwestes Pferd, von einem Hund benagt, ein ekelhaftes Schauspiel, das uns von der Sanitätspolizei Thebens nicht eben eine allzuhohe Meinung beibrachte. Die Dirke entsteht etwas südlich von Theben in dem welligen Hügellande aus mehreren nah beieinander entspringenden Quellen und nimmt ihren Lauf hart am steilen Westfuß der Kadmea vorbei. Hier wird sie durch den Abfluß eines aus acht Mündungen (die neunte ist zerstört) sprudelnden, marmorgefaßten Brunnen, Paraporti genannt, verstärkt, über dem sich der schwärzliche Burgfels fast senkrecht erhebt. Es ist die aus der Kadmossage wohlbekannte Aresquelle: hier also in den schwärzlichen Höhlungen des Felsens hauste der Drache, den Kadmos erschlug, weil er seine Gefährten beim Wasserholen am Quell getötet hatte, und aus dessen Zähnen die Sparten erwuchsen, mit denen er dann Theben gründete. Und von der Höhe des Burgfelsens sollte sich Menoikeus, der jugendliche Sohn des Kreon, hinabhinabgestürzt haben, als Sühnopfer für die von den sieben Helden bedrohte Vaterstadt. Aber wir gingen auch auf neue Entdeckungen aus. Auf Veranlassung unseres Führers, Prof. Fabricius, hatte der thebanische Lokalarchäologe, Eustratios Kalopäs, der uns auch auf unserer Wanderung um die Stadt begleitete, tags vorher an einigen Stellen auf den Höhen westlich der Kadmea graben lassen. Es galt nämlich die Westgrenze des alten Stadtgebiets festzustellen, welche nach Ansicht einiger Gelehrten mit der Westmauer der Kadmea zusammenfallen sollte, während unser Führer schon seit einigen Jahren auf Grund eingehender Studien an Ort und Stelle zu der Überzeugung gelangt war, daß die Stadtmauer über die Dirke hinübergegangen sei und den ganzen westlichen, die Kadmea nicht unbedeutend überragenden Hügel mit eingeschlossen habe. Nun war mittlerweile auch ein Bruchstück aus der verlornen euripideischen Tragödie Antiope bekannt geworden,*) welches unzweifelhaft besagt, daß die Dirke mitten durch Theben floß, so daß wir mit um so größerem Vertrauen unserm erprobten Führer folgten.
Wir gingen also von der Quelle Paraporti den in nordwestlicher Richtung nach Thespiä führenden Feldweg entlang bis zu dem Punkte, wo auf der Karte die πύλαι Nηΐσται, das niedrigste Thor“ angegeben ist. Hier hatte Prof. Fabricius schon im Jahre 1888 50m nach Norden hin die alte Stadtmauer verfolgt. Das hohe Getreide, welches das Feld bedeckt, hindert uns zwar, dies nachzuprüfen. Dafür aber finden wir auf dem Wege selbst mächtige Quadern, die zu dem Fundament des Thores und seiner Türme gehört haben müssen, und von dort genau südlich durch die Weinberge ansteigend stoßen wir auf Schritt und Tritt auf Quadern, die in der Erde stecken und, da sie eine fortlaufende Reihe bilden, nicht zu Gebäuden gehört haben können. Sie sind also Reste des Steinsockels, auf dem die Lehmziegelmauer aufsetzte. Weiter nach Süden aufwärts steigend kamen wir auf einen schmalen Grat, der nach Westen ganz steil, nach Osten allmählicher abfällt. Dieser ganze Grat nun, der selbst für ein kleines Haus keinen Raum geboten hätte, war mit den Resten von gebrannten roten und schwarzen Dachziegeln förmlich übersät. Es war klar: hier konnte nur eine Mauer gestanden haben; auf dem hohen Grat entlang laufend war sie so gut wie unangreifbar. Die Dachziegel waren von der mehr und mehr zerfallenden Luftziegelmauer, die mit ihnen abgedeckt war, herabgespült worden und durchsetzten nun mit ihren Scherben den Boden. Hier war es auch, wo Herr Kalopäs hatte graben lassen, und wir überzeugten uns nun auch durch den Augenschein von der Existenz der mächtigen Quadern des Steinsockels. Dann bildet die Mauer, den einzelnen hügeligen Erhebungen folgend, eine mehrfach gebrocheue Linie und läuft an dem südwestlichsten Punkt des Stadtgebiets in eine Spitze aus, wo ein in seinen Fundamenten erhaltener Turm das höchste der sieben Thore, die πύλαι ὕψισται, flankierte.Von hier aus läuft die Mauer ziemlich genau nach Osten den Berg hinab, um sich oberhalb der Paraportiquelle an die Südmauer der Kadmea anzuschließen. Hier, beim Übergang über die Dirke, muß das Ogygische Thor gelegen haben; denn dieses hieß auch das Onkäische, und der heilige Bezirk der Athena Onka muß in der Kirche der Hagia Trias wiedererkannt werden, die etwas oberhalb am linken Ufer der Dirke liegt. Hier war nach des Äschylos Sieben gegen Theben“ Hippomedon aufgestellt, und Eteokles spricht die Hoffnung aus, daß die Ὄγκα Παλλὰς ἥ δ᾽ ἀγχίπτολις seinen Übermut schon bändigen werde.Die Stelle der andern Thore, außer dem oben genannten Elektrischen, welches bei Äschylos Kapaneus bedroht, konnten wir leider nicht mehr aufsuchen. Doch möge in Kürze der weitere Verlauf der Mauer samt den Thoren zur Vervollständigung angegeben werden.Vom Elektrischen Thor ausgehend schloß die Stadtmauer eine von Süd nach Nord laufende Reihe von kleineren Hügeln ein und beherrschte in ihrer ganzen Ausdehnung auf dieser Seite das steilabfallende linke Ufer des Ismenos. Diese Strecke war von zwei Thoren unterbrochen. Auf dem Wege nach Chalkis öffnete sich das Proitidische Thor, vor dem bei Aschylos Tydeus steht; er wagt jedoch nicht, den Ismenos zu überschreiten, weil die Opfer nicht günstig ausgefallen waren. Südlich davon zwischen dem Proitidischen und Elektrischen Thor ist das Homoloïdische Thor anzusetzen, das bei Äschylos Amphiaraos bestürmt; es hat seinen Namen von einem Tempel des Zeus Homoloïos. Es bleibt somit nur noch ein Thor übrig, welches auf der Nordseite gelegen haben muß, das Borrhäische bei Äschylos, wo Parthenopaios stand. Es wird wie das Ogygische im Süden, so hier im Norden in der von der Dirke durchflossenen Senkung gelegen haben. Es hieß auch das Krenäische, das Brunnenthor, und noch jetzt sprudeln dort in der Nähe in der Vorstadt Pyri, wie wir uns später im Vorüberfahren überzeugten, zwei prächtige Brunnen, die Chlévina links und die Wránesi rechts der Straße. Von dort aus bis zu dem Neïstischen Thore im Nordwestem wo wir unsre Wanderung um die Mauer begannen, kann, was bei dem ziemlich flachen Gelände und der dadurch ermöglichten Bebauung des Bodens leicht erklärlich ist, der Lauf der Mauer nur vermutungsweise angesetzt werden.Betrachtet man den so sich ergebenden Umfang der Stadt, ein unregelmäßiges Viereck von durchschnittlich etwa 1600m Länge und 1100m Breite, so könnten Zweifel entstehen, ob ein so gewaltiges Areal für Theben selbst zur Zeit seiner höchsten Blüte nicht zu umfangreich gewesen sei. Zur Zeit ihrer Zerstörung durch Alexander hatte es 40000 Einwohner. Aber man muß erwägen, daß Theben alten Nachrichten zufolge mehr Gartenanlagen enthielt als irgend eine andre Stadt, und dies führt uns auf die richtige Lösung der Frage. Namentlich der westliche Mauerring schließt, wie wir uns bei unserm Umgang überzeugt hatten, stellenweise so steiles Terrain ein, daß von Häuseranlagen auf demselben keine Rede sein konnte. Es mußte dasselbe jedoch wie bei jenem beiderseits abschüssigen Grat in die Mauer mit einbezogen werden, damit diese die beste fortifikatorische Lage erhalten konnte. Die Verteidigungsfähigkeit allein war für den Zug der Mauern maßgebend, und bei der geringen technischen Vollendung der Belagerungskunst genügte es vollständig, an solchen Stellen die Mauer mit einzelnen Posten zu besetzen, um sie vor heimlicher Ersteigung zu sichern. Zudem konnte der Einschluß von Feldern und Gartenland im Falle einer längern Belagerung für den Unterhalt der Belagerten von großem Werte sein.Übrigens hatte uns schon im Peloponnes, in Mantinea, der bedeutende Umfang des Ovals überrascht, den der fast überall gut erhaltene Steinsockel der Luftziegelmauer bildete, und in Messene war es uns wie jetzt in Theben aufgefallen, welche für den Häuserbau völlig unbrauchbare Strecken die eng der Gunst des Geländes sich anschließende Mauer einschloß. In Ephesus läuft, wie wir später sahen, die von Lysimachos, dem Feldherrn Alexanders, erbaute Erweiterungsmauer sogar hoch auf dem Rücken des Berges Koressos entlang, dessen Abhang für Anlage von Gebäulichkeiten ebenfalls unbrauchbar war. Heutzutage bei unsern ferntragenden Geschützen würde an solchen Stellen die Anlage von Forts angezeigt gewesen sein; im Altertum bot nur die Mauer sichere Gewähr gegen die Einnahme der stadtbeherrschenden Höhen.Wie weit daher das Bild, das wir uns von dem alten Theben und vielen andern griechischen Städten zu machen haben, von dem Bilde unserer mittelalterlichen Städte abweicht, ergiebt sich nach dem Gesagten von selbst; hier, von dem möglichst engen Mauergürtel umschnürt, enge Gassen, hohe Steinhäuser; dort niedrige Lehmhäuser, bald zusammengedrängt, bald behaglicher sich zwischen Gartenanlagen ausbreitend, die der weite Festungsgürtel lose umschloß.
――――― *) Hermes giebt dem Lykos den Befehl, die Asche seiner Gemahlin Dirke in die Aresquelle zu werfen: ὀστᾶ πυρώσας Ἂρεος εἰς κρήνην βαλεῖν, ὡς ἄν τὸ Δίρκης ὄνομ᾽ ἐπώνυμον λάβηι κρήνης ἀπόρρους, ὃς δίεισιν ἄστεως πεδία τὰ Θήβης ὕδασιν ἐξαρδῶν ἀεί. (Antiope, frg. 223/275, v. 77ff.) |
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