Paul Brandt
1861 - 1932
Von Athen zum Tempethal.Reiseerinnerungen aus Griechenland
1894
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6. Von Theben über Livadia nach Orchomenos.
So in unserer Anschauung und unserm Wissen bereichert, traten wir fröhlichen Mutes die Weiterfahrt an. Da es Festtag war, so hatte sich halb Theben um unsre vor dem Speisehaus wartenden Wagen versammelt, ein kräftiger Menschenschlag, auch hübsche Frauen und Mädchen in ihrer malerischen Tracht, wie überhaupt die Bevölkerung einen recht wohlhabenden Eindruck machte. An einem fränkischen Turm vorbei, wohl dem letzten Rest eines prächtigen, im Jahre 1311 von den Kataloniern zerstörten Schlosses, fuhren wir in sausendem Trabe von der Kadmea die schöne Straße nach Livadia hinab, die in eleganter Windung der Vorstadt Pyri zustrebt, wo uns die beiden oben genannten Brunnen durch ihren Wasserreichtum auffielen. Dann aber ward es eine lange eintönige Fahrt durch die weit und breit von keinem Baum und Strauch belebte Ebene, und es kam uns vor, als seien wir aus einer frischgrünenden Oase plötzlich in eine wüste Einöde versetzt. Rechts von der Fahrstraße sprang mit steilem Abfall trotzig das Sphingiongebirge vor, von dessen Höhe die Sphinx ihre verhängnisvollen Rätsel sang, links hatte über Nacht der Kithäron eine Schneedecke angezogen, der für uns eben noch über die wenig charakteristischen grünen Bodenwellen des Teumessos hervorlugte. Allmählich beginnt es zu regnen, und als der Kutscher Chrestos, um seinen Pferden eine kurze Rast zu gönnen, an einem Bildstock halt macht und der Mutter Gottes für glückliche Fahrt eine Kerze opfert, pappt der schwere, braune Boden an unsern Füßen an. Die ganze Trübe und Schwere der böotischen Landschaft senkt sich auf uns nieder, und da Regenwolken auch den Helikon und den Parnaß unsern Blicken entziehen, so wird uns der Unterschied zwischen dieser und der feingezeichneten attischen Landschaft recht zu Gemüte geführt. Wie dieser Unterschied sich auch im Charakter der beiderseitigen Bevölkerung ausprägte, und mit welcher Verachtung der feine und gewandte Attiker auf den plumpen böotischen Bauer herabsah, ist bekannt genug.Dann traten wir nach Überschreitung des niedrigen Passes zwischen dem Sphingion und den Ausläusern des Helikon, wo im Altertum die Stadt Onchestos lag, in die Ebene des dem Kopaïssee zuströmenden Kephissos ein. Aber vergebens blickten wir uns nach dem Wasserspiegel des Sees um, an seiner Statt dehnte sich eine weite graugrüne Fläche aus, deren jenseitige Uferberge der giebelsärmige Chlomos kühn überragte.
Kopaïssee
Der Kopaïssee, der größte aller griechischen Binnenseen, ist eine der merkwürdigsten Naturerscheinungen der Erdoberfläche. Gebildet vom Kephissos (jetzt Mavroneri = Schwarzwasser), dem sich der bei Orchomenos vom Akontion kommende Melas zugesellt, bedeckt er im Winter eine Fläche von mehr als 4 Quadratmeilen. Sobald aber die Niederschläge nachlassen, fällt der Spiegel des Sees so rasch, daß die Verdunstung allein als Erklärungsgrund nicht ausreicht. Es kommen denn auch bald, je mehr der See sinkt, unterirdische Spalten zum Vorschein, Katawothren (κατάβοθραι) genannt, welche das Seewasser in die zerklüftete Kalkformation des östlich vorgelagerten Ptoongebirges hineinführen, die dasselbe verschluckt, um es an andrer Stelle als mächtige Quellen, sogenannte Kephalaria, wieder an die Erdoberfläche emporzusenden. Man zählt nicht weniger als 20 solcher Katawothren, von denen jedoch nur vier auch während des Sommers in Thätigkeit bleiben, während die übrigen durch das Sinken des Wasserspiegels trocken gelegt werden.So bleiben im Hochsommer nur noch etwa vier große Sumpflachen übrig, die der Entwässerung widerstreben; zwischen ihnen bilden die höhergelegenen Strecken fruchtbares Ackerland, die mit Reis und Mais bestellt werden und zum Teil eine zweimalige Ernte gestatten, während die tieferliegenden Strecken Rindern und Schweinen eine fette Weide bieten.So groß also einerseits die Vorteile sind, welche das Austrocknen des Sees vorübergehend bietet, so erzeugt er andrerseits eine verderbliche Fieberluft und bildet auch deswegen eine große Gefahr, weil bei Verstopfung der natürlichen unterirdischen Abzugskanäle auch sonst ganz trocknes Gelände mit Überschwemmnng bedroht ist. So sind schon in ältester Zeit, als in der Seeebene das mächtige Seevolk der Minyer herrschte, durch Überschwemmungen, welche die böotische Landessage der Verstopfung der Kanäle durch den thebanischen Herakles zuschreibt, Katastrophen eingetreten, die wahrscheinlich den Niedergang dieses Reiches und die Verlegung der Hauptstadt Orchomenos von der am Ostufer gelegenen, an die mächtigen Bauten von Tiryns und Mykene erinnernden Felsenhurg „Gulás“ (= Turm) auf die in historischer Zeit von ihr eingenommene Berghöhe am Westufer des Sees zur Folge hatten.Auf den Zustand der Seeebene vor dieser Epoche, in der Blüte des Minyerreiches, ist erst in allerneuster Zeit durch die Entdeckungen und Berichte der französischen Ingenieure ein helles Licht gefallen, denen man die Trockenlegung des Kopaïssees anvertraut hat. Dieselben sind um so überraschender, weil es sich dabei nicht nur um einzelne Gründungen oder Bauten handelt, von denen man auch früher Kunde hatte, sondern um ein weitverzweigtes, in sich zusammenhängendes Werk antiker Kultur, wodurch eine ganze Periode vorzeitlicher Landesgeschichte aus dem mystischen Dunkel der Sage in das helle Licht der Geschichte gerückt wird. Das große Werk, durch welches schon vor vier Jahrtausenden die auch heute wieder versuchte Trockenlegung des Sees thatsächlich erreicht war, ist, so berichtete Ernst Curtius in einer Sitzung der Berliner Akademie 1892, im wesentlichen ein dreifaches. Zuerst galt es, die große Wassermasse des Kephissos und des Melas, welche ihrer Nähe wegen auseinanderzuhalten möglich war, durch die tiefste Senkung des Thalbodens am Nordrande hindurchzuführen. Das ist der von den französischen Ingenieuren so genannte canal de la rive gauche. Hier war die größte Wassermasse zu bewältigen. Beide Flüsse wurden durch fächerartig sich ausbreitende Deiche aufgefangen und am Nordrande des Seethales entlanggeführt, sodaß der linke Rand des Abflusses durch das natürliche Steilufer, der rechte durch einen starken Deich gebildet wurde. Von da an, wo der nordöstliche Zipfel des Sees tief ins Land eingreift, wird der bis dahin nur einseitige Kanal zu einem doppelseitigen und führt durch die Bucht von Topolia in gerader Richtung ostwärts auf die große Katawothre bei dem Dorfe Kokkino zu.Ein zweiter Kanal bei dem Dorfe Rakhi, acht Kilometer östlich von Livadia beginnend, der sogenannte canal central, fängt in gleicher Weise durch fächerartige Dämme die Gewäs ser auf dieser Seite auf und leitet sie durch die Mitte der Thalebene hindurch, um sie eben falls nach dem Ostrande abzuführen. Ein dritter Kanal endlich (canal de la rive droite) fließt am Ostufer des Sees nach Norden, wo sich bei den großen Katawothren alle drei Kanäle vereinigten. Dort waren die Arbeiten mit ganz besonderer Solidität ausgeführt. Die mächtigen Deiche sind nach innen mit Polygonmauern unterstützt, deren zum Teil wohlerhaltene Stücke dem ältesten Baustil von Tiryns und Mykene gleichen.Diesen großartigen Deichbauten der ältesten Zeit gegenüber kann der schon früher bekannte Felsentunnel, der den Zweck hatte, den See aus der Nordostseite nach dem Meere zu künstlich zu entwässern, die natürlichen Abflußkanäle also überflüssig machte, nur der Zeit Alexanders des Großen zugewiesen werden, der — auch eine Maßregel seiner Theben feindlichen Politik — den Bergingenieur Krates aus Chalkis mit der Trockenlegung des Sees betraut haben soll.Die Erscheinung der Katawothren ist übrigens nicht aus den Kopaïssee beschränkt. Im Peloponnes wird z. B. der stymphalische See durch eine Katawothre entwässert, die in dem Erasinos in Argolis das eingesogene Wasser wieder ausgiebt, und der Perieget Pausanias (IX 30,8) weiß von dem Helikonfluß, der nach einem Laufe von 75 Stadien in die Erde schlüpft, um erst 22 Stadien weiter als Küstenfluß Baphyras wieder ans Tageslicht zu treten und sich in den korinthischen Golf zu stürzen, die anmutige Sage zu erzählen: früher sei er ganz an der Oberfläche geflossen; erst als die Mänaden, die den Sänger Orpheus zerrissen, die blutigen Hände in seinen Wellen hätten reinigen wollen, habe er entsetzt sich in die Erde verborgen. Übrigens weist auch das Karstgebirge in Istrien analoge Erscheinungen auf.So ist es also keine Fabel mehr, das minyische Orchomenos, die goldene Königsstadt eines mächtigen, ausgedehnten Reiches, in der so viele Einkünfte zusammenströmten wie in dem hundertthorigen ägyptischen Theben. Inmitten einer fruchtbaren Ebene, durch welche die angelegten Deiche bequeme Verkehrswege bildeten, war sie eine der belebtesten Städte des Altertums, ja die älteste Stadt des griechischen Binnenlandes, die wir in großartigen Überresten des höchsten Altertums nachweisen können. Nun waren die Minyer, wie wir namentlich aus der Argonautensage wissen, ein Seevolk, und wenn ihr glänzendster Wohnsitz ein binnenländischer war, so erklärt sich dies wohl daraus, daß sie hier einen Thalgrund fanden, der bei weiser Bewirtschaftung zu einem hervorragenden Wohlstand sich entwickeln konnte. Möchte es den Bemühungen der französischen Ingenieure gelingen, der See ebene wiederum diesen vor Jahrtausenden besessenen Wohlstand zurückzugeben!Einstweilen sahen wir also statt des erwarteten Wasserspiegels nichts als eine weite grün liche Fläche. Bald treten auch die Vorhöhen des Helikon links hart an die Straße heran, und ein alter Turm fällt uns auf, der auf einem schroff abfallenden, durch eine romantische Grotte unterhöhlten Felsplateau sich erhebt. An der nicht weiter von uns beachteten Stätte des alten Haliartos vorbei, wo im Jahr 395 der Bezwinger Athens, Lysander, von der Hand der siegreichen Thebaner fiel, kamen wir zu einem großen Chani, wo Mittagsrast gehalten wurde. „Tanzplatz des Ares“, so hatte Epameinondas Böotien bezeichnet, und dies trifft namentlich auf das Gebiet zu, in das wir nun eingetreten sind. Hier, an der Hauptverbindungsstraße zwischen Nord‐ und Südhellas, mußten sich die feindlichen Heere treffen, sei es bei Haliartos, welches den schmalen Streifen zwischen See und Gebirge beherrschte, wie im Jahr 395, sei es weiter aufwärts bei Orchomenos wie im Jahr 85 v. Chr. oder bei Chäronea wie in den Jahren 338 und 86. Außer der Schlacht bei Leuktra sind auch die beiden Schlachten bei Koronea vom Jahre 447 und 394 hierher zu rechnen.Nach der Mittagsrast fuhren wir weiter, Livadia zu. Das bisher ziemlich trübe Wetter hatte sich etwas aufgehellt, und die Sonne beleuchtete malerisch die grüngelben Hügel zu unsrer Linken, während dahinter die blaue Höhe des Musenberges, der Helikon, sich erhob. Vor uns der Parnaß war meist von Wolken verhüllt. Dann tritt links das Laphystiongebirge hart an die Straße heran; dort war man eifrig mit den Arbeiten an der Bahn beschäftigt, welche Saloniki mit dem Piräus verbinden und damit Griechenland an das große europäische Eisenbahnnetz anschließen soll; auch später hatten wir wiederholt Gelegenheit, die im Bau begriffene neue Verkehrslinie zu besichtigen.
Livadia
Großartig, einen Vorschmack von Delphi bietend, ist die Lage von Livadia, dem alten Lebadeia, einst vornehmlich durch sein Orakel des Zeus Trophonios, einer finstern Erdgottheit, berühmt, zur Zeit der Türkenherrschaft aber Sitz der Regierung von Mittelgriechenland, der Provinz Livadien. Es mag vielleicht der große Wasserreichtum Livadias gewesen sein, der außer der festen Lage der Stadt die Türken bei dieser Wahl bestimmt hat. So bedeckte denn auch frisches Grün den Vordergrund des Landschaftsbildes, dahinter erhob sich am Bergeshang die Stadt etagenförmig aufgeschichtet und malerisch beherrscht von einem mittelalterlichen Kastell, das leider bei dem großen Erdbeben im April 1894 teilweise eingestürzt ist. Östlich darüber fallen die Steilwände des Laphystion zu einer großen rund gewölbten Schlucht ab, die sich mit ihren dunkeln Schatten fast unheimlich von dem vom goldnen Licht der Nachmittagssonne beleuchteten Vordergrund abhob, während darüber drohende Regenwolken sich zusammenballten.Dort oben also befand sich das mit mancherlei Schrecknissen ausgestattete Orakel des Trophonios, von dem uns der Perieget Pausanias, der es selbst befragt hatte, ausführlich berichtet. Der Fragesteller mußte manche geheimnisvolle und schreckende Vorbereitung durchmachen, im Hercynabach baden und aus den Quellen Lethe und Mnemosyne Vergessenheit für das Vergangene und Erinnerung für die Weisungen des Orakels trinken, bis er oben auf dem Berge in eine dunkle Höhle gestoßen, dann wieder herausgezogen und auf den „Thron der Mnemosyne“ gesetzt ward, wo ihn die Priester nach dem Erlebten ausfragten, um daraus das Orakel zu schöpfen. Auch mich zog es hinauf; aber da draußen vor der Stadt bei einer Schenke, wo eine ganze Anzahl auffallend kräftiger Männergestalten versammelt war, nur so lange halt gemacht wurde, bis Reittiere für den nächsten Tag besorgt waren, so reichte es nur zu einem kurzen Gang in die Unterstadt, wo der wasserreiche Hercynabach, der aus jener runden Schlucht kommt, sich zwischen den Gärten und Häusern der Stadt durchdrängt und einige Mühlen treibt.In Livadia verlassen wir nun vorläufig die weiter aufwärts ins Kephissosthal und zwischen Öta und Kallidromos nach Lamia führende Straße und wenden uns scharf nordöstlich dem Dorfe Scripú zu, welches sich hart am Fuße des östlichsten Ausläufers des langgestreckten Akontiongebirges, der einst Orchomenos trug, angesiedelt hat. Es regnete in Strömen, und als wir in dem zu unserm Nachtquartier ersehenen Dörfchen mit seinen niedern Hütten einfuhren und vernahmen, daß das sonst immer gastfreie Kloster zur Grablegung Mariä Maria (Κοίμησις τῆς Θεοτόκου) eingegangen war, so schienen sich wenig angenehme Aussichten für die Nacht zu eröffnen. Um so freudiger war daher unsere Überraschung, am Ende des Dorfes ein reinliches, nur für die Aufnahme von Fremden bestimmtes zweistöckiges Haus zu finden, und es währte nicht allzulange, bis wir uns an wohlbesetzter Tafel (diesmal gab es sogar Puláki, Geflügel, und Gaúrti, eine Art gesüßter Sauermilch) von den Anstrengungen dieses zweiten Reisetages erholten. Den Schluß des Tages bildete der Besuch des auch im kleinsten Dörfchen nicht fehlenden Kaffeehauses. |
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