BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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7. Orchomenos.

 

Als wir am andern Morgen aus unserm „Massengrab“ auf dem Fußboden erstanden und zur Belehrung der Dorfjugend vor dem Hause große Toilette gemacht hatten, war unser erster Gang nach dem sogenannten „Schatzhaus des Minyas“, auch „Grab des Hesiod“ genannt, welches hart am Ostabhang des Stadtberges liegt und teilweise in diesen hineingebaut ist. Keine der beiden Bezeichnungen ist zutreffend, obwohl schon Pausanias den Bau als ein Schatzhaus und Minyas als den ersten bezeichnet, der, soviel man wisse, zur Aufbewahrung seiner Schätze ein Schatzhaus gebaut habe.

 

Orchomenos

 

Er bezeichnet ihn als einen Wunderbau, der keinem andern in Hellas und anderwärts nachstehe, und geißelt die Vorliebe der Griechen für das Ausländische, da tüchtige Schriftsteller sich herbeiließen, die ägyptischen Pyramiden genau zu beschreiben, während sie das Schatzhaus des Minyas und die Mauern von Tiryns nicht einmal der Erwähnung wert erachteten. Er beschreibt alsdann das Gebäude mit den Worten: „Es ist ein runder Bau aus Stein, der sich oben etwas stumpf zuspitzt; der oberste Stein aber, sagt man, hält den ganzen Bau zusammen.“

Pausanias hat ihn also noch im wesentlichen unversehrt gefunden; wir fanden ihn sehr zerstört, und, da wir wenige Wochen vorher das großartige, wohlerhaltene sogenannte „Schatzhaus des Atreus“ in Mykene gesehen hatten, dessen Aufdeckung wir Schliemann verdanken, so imponierte uns das „Schatzhaus des Minyas“ weniger, als wir erwartet hatten. Doch war es für uns nun leicht, uns ein Bild von der ehemaligen Pracht des Bauwerks zu machen. Dasselbe bestand wie das „Schatzhaus des Atreus“ aus drei Teilen, einem langen, in den Berg hineinführenden ungedeckten Gang (δρόμος), dem unterirdischen bienenkorbartigen Kuppelraum (θόλος) und der rechts davon befindlichen Grabkammer. Denn daß wir es hier mit einer Grabanlage und nicht mit einem Schatzhause zu thun haben, ist nun über allen Zweifel erhaben, seit in Menidi bei Athen in einer solchen Anlage sechs Leichen mit all ihrem Schmuck aufgefunden worden sind. Auch wäre es sonderbar, wenn ein Fürst, wie hier und in Mykene, seine Schätze außerhalb der Burgmauer hätte verwahren wollen. Vielmehr wird die reiche Bestattungsart jener ältesten Zeit schon früh die Entdecker solcher Grabanlagen zu jenem Glauben verleitet haben.

 

Schatzhaus des Atreus in Mykene (a = Querschnitt, b = Grundriß)

 

In Orchomenos ist der Dromos (A), der beim „Schatzhaus des Atreus“ 6 m breit und 35 m lang ist, erst im Jahre 1867 durch einen spekulativen Dimarchen von Scripú vollständig zerstört worden, der aus den Steinen eine Kapelle erbaute. Freilich wird der fromme Zweck eine solche auch heute noch in Griechenland nicht unerhörte Barbarei kaum entschuldigen können. Doch läßt sich wenigstens durch einen an seiner Stelle gebliebenen Stein die Breite des Dromos auf 5,11 m bestimmen.

 

Das Kuppelgrab von Orchomenos (bei den Ausgrabungen von 1903 entstanden)

 

Das Eingangstor

 

Aus dem Dromos führt in den Kuppelraum eine 5,46 m hohe, unten 2,70, oben 2,43 m breite Thür (B), deren Qberschwelle aus einer gewaltigen graublauen Marmorplatte Von 5 m Länge besteht. Die Aufnahme von Herrn Pelissier giebt davon ein anziehendes Bild.

Trat man durch diese mächtige Thüröffnung in die Tholos (C’), so wird gewiß, wie heute noch in Mykene, der Anblick dieses mächtigen Kuppelraumes überwältigend gewirkt haben muß, denn der Durchmesser desselben, 14 m, steht dem mykenischen nur um 0,5 m nach. Auch die Höhe wird ungefähr die gleiche gewesen sein. Bekanntlich war im griechischen Altertum die Kunst des Gewölbebaus, bei dem keilförmig geschnittene Steine mit ihren Achsen einem gemeinsamen Centru bienenkorbartige W&m zustreben, noch unbekannt. Die Wölbung wird also dadurch gebildet, daß eine Anzahl (in Mykene 33) nach oben allmählich enger werdende Steinringe horizontal auf einander lagern und ganz oben durch eine einzige Platte geschlossen werden. Während man Steinring auf Steinring legte, wuchs gleichzeitig außerhalb die Erdanschüttung, die nach Abschluß des Ganzen durch die Schlußplatte auch über die Spitze des Gewölbes weitergeführt wurde. Im Innern sind die Steine der Wöl bung gemäß rund geschnitten, so daß der Fluß der Linien nirgends eine Unterbrechung erleidet.

In Orchomenos sind die nach oben sich wölbenden Wände nur bis zur achten Steinschicht vollständig, bis zur zwölften teilweise erhalten, und die mächtigen Blöcke der obern Schichten bilden, ins Innere der Tholos herabgestürzt, ein wüstes Durcheinander. Von der fünften Schicht aufwärts befindet sich in fast jedem Stein ein Loch, in welchen zum Teil noch Bronzezapfen stecken, mit denen wie in Mykene die den Innenraum bis zur Spitze in der Form von Fünfsternen (quincunx :∙:) schmückenden Bronzerosetten befestigt waren.

Von dem Kuppelraum aus gelangte man durch eine ehemals ebenfalls mit reichem Bronzeschmuck versehene Thüröffnung in die viereckige Grabkammer (D), die einen Raum von 3,74 X 2,75 m Grundfläche und 2,40 m Höhe darstellt. Sie ist in den Fels selbst eingeschnitten, aber nicht von dem Kuppelraum aus, sondern von oben her, und war im Innern besonders prachtvoll ausgeschmückt. Leider wird auch hier der Eindruck durch den Zusammenbruch der Decke gestört, der, wie die Einwohner von Scripú Schliemann berichteten, erst im Jahre 1870 unter dem Gewicht der darauflastenden Schuttmasse erfolgte.

 

Deckenornamentik

 

Die Decke bestand nämlich aus großen skulpierten Platten grünen Chloritschiefers, die ein reiches an die besten Schöpfungen der „mykenischen“ Kunstperiode erinnerndes Teppichmuster aufweisen. Ein Mittelstück, aus einem System kreuzförmig angeordneter und in einander verschlungener Spiralen bestehend, deren Zwischenräume durch aus den Ecken hervorwachsende Palmbüschel ausgefüllt werden, ist von einer doppelten Rosettenreihe eingefasst; außen wiederholt sich dasselbe Spiralmuster und findet am Rande durch eine einfache Reihe der gleichen Rosetten seinen Abschluß. Traurig liegen diese kostbaren Platten, zum Teil zerbrochen, jetzt umher, deren jede für ein europäisches Museum ein unschätzbarer Besitz sein würde. In gleicher Weise waren auch die Wände der Grabkammer verkleidet. Früher hatte. man aus den Worten des Pausanias herausgelesen, daß sich hier auch das Grab des Dichters Hesiod befunden habe, dessen Gebeine die Orchomenier, um von einer Seuche befreit zu werden, auf Befehl des delphischen Orakels von Naupaktos hierher gebracht haben sollen. Doch wird man dieses Grab eher auf dem Markte von Orchomenos zu suchen haben; auch fand sich in der Tholos nichts, was mit Sicherheit darauf zu deuten wäre.

Nach Besichtiguug des Kuppelgrabes, zu der sich aus dem Dorfe eine zahlreiche Zuschauerschaft von Frauen und Kindern eingefunden hatte, lenkten wir unsre Schritte zunächst zum Kloster zur Grablegung Mariä, das auf der allerletzten kleinen Bodenerhebung gegen die Seeebene hin liegt und die Stelle des uralten, hochberühmten Heiligtums der Chariten eingenommen hat.

Die Kirche des Klosters ist, wie eine eingemauerte Inschrift lehrt, im 9. Jahrhundert erbaut, so daß das Kloster zu den ältesten Griechenlands gezählt werden muß. Aber auch der Kult der Chariten, dem einst dieser Ort geweiht war, ist uralt.

Dies geht schon daraus hervor, daß sie bis in die römische Kaiserzeit hinein in Gestalt roher Steine verehrt wurden, die angeblich dem Eteokles, einem der ältesten Minyerkönige, vom Himmel gefallen waren.

Schon diese sonderbare Vorstellung beweist, daß die Chariten ursprünglich Naturgottheiten, Göttinnen der Fruchtbarkeit und Spenderinnen der erfreulichen Gaben der Natur gewesen sind.

Aber schon früh finden sich Anklänge an die spätere ethische Auffassung der Chariten als der Spenderinnen alles dessen, was dem Leben Anmut und Reiz verleiht, wie dies am schönsten Pindar besingt in dem 14. olympischen Siegesgesang auf den Rennsieg eines Knaben Asopichos aus Orchomenos:

„Die ihr die Gewässer des Kephissos erlost habt und bewohnt den füllenschönen Heimsitz, o Chariten, ihr sangesreichen Königinnen von Orchomenos, Beschützerinnen des alten Minyerstammes, höret mein Gebet! Mit eurer Hilfe entsproßt alles Erfreuende und Süße den Menschen, sei einer ein weiser, sei er ein schöner, sei er ein ruhmstrahlender Mann. Denn auch nicht ohne der ehrwürdigen Chariten Geleit gehen die Götter zum Reigen oder zum Mahle, sondern über alle Geschäfte im Himmel waltend und ihren Thron neben den pythischen Apoll mit dem goldenen Bogen stellend verehren sie die ewige Herrschermacht des olympischen Vaters.*)

So gehören denn die Chariten zu den anmutigsten Gestalten des olympischen Götterhimmels; sie gießen über das gesellige Beisammensein der Menschen die Festessreude aus, und ihr sinniges Walten wehrt der Maßlosigkeit und der tobenden Lust; sie ordnen den Chorreigen und tanzen selbst beim Mahle der Götter im Verein mit den Musen, mit Aphrodite und andern jugendlichen Gottheiten. Ihr Fest, die Charitesien, wurde mit musischen Agonen, aber auch mit nächtlichen Tänzen begangen, nach deren Beendigung Honigkuchen und anderes Backwerk ausgeteilt wurde.

Daß wir nun aber auch wirklich auf jener uralten Kultstätte standen, das bewiesen die dort gefundenen und teilweise eingemauerten Architektur‐ und Skulpturstücke, darunter eine jener alten noch sehr unbeholfenen Jünglingsstatuen, welche in der Kunstgeschichte als „Apollo von Orchomenos“ bekannt ist. Auch an Inschriften fehlte es nicht, darunter viele Grabsteine. Es war eine friedliche Stätte, diese Kirche mit den sie umgebenden Gebäulichkeiten und dem verwilderten Klostergarten, fast nur belebt von den so zutraulich wie Tauben sie umschwirrenden und sich auf ihr niederlassenden Turmfalken; jetzt ist durch das furchtbare Erdbeben vom Frühjahr 1894 nun auch dieses Idyll zerstört.

Dann gings weiter zur epheuumrankten und von frischem Grün umgebenen anmutigen Quelle, die am Nordostfuß des Burgberges entspringend den letzten Zufluß des vom Akontion dem Kopaïssee zuströmenden Melas bildet. In ihr findet man die den Chariten und der Aphrodite geweihte Akidalia wieder; fie wird auch der „sehenswerte“ Brunnen sein, zu dem nach Pausanias die Einwohner hinabstiegen, um Wasser zu holen, denn sie liegt außerhalb der den Berg umziehenden Stadtmauern.

Dieser, der letzte Ausläufer des den Lauf des Kephissos nördlich begleitenden Akontiongebirges, das seinen Namen wohl seiner Gestalt verdankt (ἀκόντιον = Lanze), hängt mit demselben nur durch einen schmalen Grat zusammen, der eine kleine die Akropolis bildende Felshöhe trägt. Westlich ist diese noch durch einen, wie es scheint, künstlichen und ehemals stark befestigten Einschnitt vom Akontiongebirge getrennt. Mit Ausnahme der steilsten Strecke auf der Nordseite sind die Mauern und Türme überall noch nachweisbar und in ihren untern Schichten teilweise sehr schön erhalten, selbst bis zu einer Höhe von 4—5 m. Ihre polygonale Konstruktion stimmt mit der makedonischen Mauer Platääs genau überein; es entsprach der Politik Alexanders, auch diese alte Feindin Thebens wieder aus dem Staub zu erheben.

Von der Akidalia aufsteigend und über den rauhen steinigen Boden dem jenseitigen Mauerzug zustrebend mußten wir an einem Vlachendorf vorbei, das sich am Berghang angesiedelt hatte; die bissigen Hunde konnten wir uns nur durch Steinwürfe vom Leibe halten. Diese Vlachen, die sich selbst Rumänen nennen und mit denen an der Donau stammverwandt sind, sind das eigentliche Hirtenvolk Griechenlands. Sie sind Nomaden; in niedern schmutzigen Stroh‐ und Binsenhütten wohnend haben sie noch ganz patriarchalische Zustände bewahrt, halten streng an ihren Sitten und Gebräuchen fest und meiden eine Vermischung mit den sie verachtenden Griechen. Jede Ansiedlung steht unter einem Oberhaupte, Tschélingas, der vom Staate oder der Gemeinde das Weiderecht pachtet.

Nachdem wir so mit dieser ungriechischen Bevölkerung Griechenlands aus der Entfernung Bekanntschaft gemacht, stiegen wir an der saubergefügten polygonalen Südmauer entlang aufwärts. Die obern Lagen derselben waren nach außen abgestürzt und bildeten dort ein förmliches Steinchaos.

 

Ein Tor und die Akropolis von Orchomenos

 

Eines der besterhaltenen Thore stellt der beigegebene Holzschnitt dar. So kamen wir zur Akropolis. Doch nur wer sich von Schwindel frei wußte, wagte es, die ursprünglich wohl 100 Stufen hohe in den Fels gehauene Treppe zu erklimmen, die gewiß aus ältester Zeit stammt. Den Gipfel krönt eine turmartige, noch in 22 Quaderlagen erhaltene Befestigung ebenfalls aus Alexanders Zeit. Wahrhaft entzückend aber und die schönste Belohnung für den in der Sonnenhitze doppelt beschwerlichen Aufstieg war die Rundsicht, die sich dort oben eröffnete. Nur auf Akrokorinth und auf dem Ithome hatten wir ähnliches gesehen, und was dieser einsamen Höhe noch einen ganz besondern Reiz verlieh, war der herrliche Blumenschmuck, der den frisch‐grünen Rasenteppich mit weißen und roten Blüten durchwirkte. Namentlich war es eine Art purpurroter Anemonen, denen wir zu Tausenden auf den Bergen des Peloponnes begegnet waren und deren Glanz, auch unter der Presse nicht erblichen, noch jetzt die Erinnerung an jene sonnigen griechischen Frühlingstage mächtig wachruft. Und nun die Rundsicht selbst: die den Kopaïssee östlich begrenzenden Berge überragt der mächtige euböische Delph, überragt der mächtige euböische Delph, es folgt nach Süden zu Parnes und Kithäron, im Süden der Helikon und das Laphystiongebirge, im Westen der Parnaß, nach Nordosten zu Öta und Kallidromos und weiterhin der jenseits des malischen Golfs sich erhebende wenig charakteristische Othrys. Nur schwer rissen wir uns von diesem Panorama los; aber es war unterdessen 10 Uhr geworden, und schon warteten vor unserm Quartier im Dorf die 18 Reit‐ und 4 Packtiere, die, tags zuvor in Livadia gemietet, uns heute noch westwärts über Chäronea nach Daulis am Parnaß bringen sollten.

 

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*) Olymp. XIV 1—17, Übersetzung Bergk.

Originaltext:

Καφισίων ὑδάτων

λαχοῖσαι, αἵτε ναίετε καλλίπωλον ἕδραν,

ὦ λιπαρᾶς ἀοίδιμοι βασίλειαι

Χάριτες Ὀρχομενοῦ, παλαιγόνων Μινυᾶν ἐπίσκοποι,

κλῦτ᾽, ἐπεὶ εὔχομαι. σὺν γὰρ ὔμμιν τὰ τερπνὰ καὶ

τὰ γλυκέ᾽ ἄνεται πάντα βροτοῖς,

εἰ σοφός, εἰ καλός, εἴ τις ἀγλαὸς ἀνήρ.

οὐδὲ γὰρ θεοὶ σεμνᾶν Χαρίτων ἄτερ

κοιρανέοισιν χοροὺς οὔτε δαῖτας· ἀλλὰ πάντων ταμίαι

ἔργων ἐν οὐρανῷ, χρυσότοξον θέμεναι παρὰ

Πύθιον Ἀπόλλωνα θρόνους,

ἀέναον σέβοντι πατρὸς Ὀλυμπίοιο τιμάν.