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8. Von Orchomenos über Chäronea nach Daulis.
Sogleich nach unsrer Rückkehr nach Orchomenos setzte sich unsre stattliche Kavalkade in Bewegung, hart am Südfuß des Akontion entlang. Ich hatte diesmal einen kleinen mun tern Schimmel mit Bürstenmähne erwischt, der wie früher mein Peloponnesier Ψαρί, Fisch, hieß. Freilich bedarf es keiner großen Reitkünste, um sich im griechischen Sattel zu halten: das Samári ist ein breites hölzernes Gestell, über das man Decken legt; die Füße stellt man in die zu beiden Seiten herabhängenden, den Steigbügel vertretenden Seilschlingen und nimmt das einfache Leitseil in die Hand, das die Stelle der Zügel vertritt. Auch eine Gerte kann bisweilen nicht schaden. Unsre Tiere, teils Pferde, teils Maultiere, waren diesmal viel besser als die, auf denen wir im Peloponnes von Olympia über Messene und Sparta bis nach Tripolitza bei Mantinea in Arkadien geritten waren. Diese leisten freilich auf den beschwerlichen, steilen Gebirgspfaden des Peloponnes geradezu das Unglaublichste, und selbst in der Dunkelheit kann man sich auf den gefährlichsten Wegen unbesorgt dem sichern Tritt des Tieres überlassen, dem selbst um sein armes, vielgeplagtes Dasein bangt, und das vorsichtig die Hinterhand genau in die vorher auf ihre Festigkeit geprüfte Spur der Vorderhand setzt. Kein Wunder, daß sie nur an den Gänsemarsch gewöhnt und selbst auf der breitesten Kunststraße nicht in Trab zu bringen sind. Eine solche scheint überhaupt manchen derselben etwas Ungewohntes zu sein, und noch immer muß ich mit Lachen jenes Packtiers gedenken, das als Nachzügler in der Nähe von Sparta, als die schöne Straße plötzlich eine scharfe Biegung machte, vor der die Böschung krönenden Mauer stutzte, eine Weile sich besann, dann kehrt machte und zum allgemeinen Gaudium den Weg, den es gekommen, bergan zurücktrabte, bis es der nachgesandte Agogiat wieder einholte.
So ritten wir denn, oft in munterm Trabe, am Fuß des Akontion entlang, das Laphystion und bald das Thuriongebirge zur Linken, bis dahin, wo der Kephissos, der bisher an Baumreihen kenntlich, in der Mitte der Thalebene uns entgegenkam, sich hart an den Westabhang des Akontion herandrängt. Wir überschreiten ihn, an einem Zigeunerlager und malerischen Baumgruppen vorbei, auf einer Brücke, und genau nach Süden das Thal und zugleich das Schlachtfeld vom Jahre 338 durchquerend sind wir bald in dem Dorf Kapränä, am Fuß der steilen Akropolis des alten Chäronea, angelangt.

Blick von der Akropolis von Chäronea auf Parnassos und Kirphis.
So schön von dort oben der Blick auf die bergumschlossene Thalebene sein mußte, so zogen wir es diesmal doch vor, uns die zum Teil wohlerhaltenen Mauern nur von unten anzusehen und uns durch ein vorzügliches Frühstück mit noch vorzüglicherem Wein zu stärken. Dann suchte ich mir zum Mittagsschläfchen einen Platz aus, der jedenfalls einer bessern Sache würdig gewesen wäre, nämlich das am Burgabhang in flachern Rund in den Fels gehauene alte Theater. An demselben fiel besonders auf, daß eine hohe senkrechte Wand die obern von den untern Sitzreihen scheidet. Diese Scheidung erklärt sich jedoch daraus, daß, hätte man alle Sitzreihen gleichmäßig wollen ansteigen lassen, man zu tief in den Fels hätte hineingehen müssen.
Dort also suchte ich mir ein Ruheplätzchen aus. Doch wüßte ich nicht, daß mir etwas Besonderes geträumt hätte – jedenfalls wurde ich rechtzeitig wach, um mit den Gefährten an der wenige Minuten entfernten ummauerten Gruft der Thebaner, zugleich auch dem Grabe der griechischen Freiheit, zu stehen. Vor uns lagen, von dem Klephthenhäuptling Odysseus aus Ithaka, der Schätze in seinem Innern vermutete, im griechischen Befreiungskampfe mit Schießpulver auseinander gesprengt, die Trümmer des mächtigen Löwen, der einst diese Gruft bewachte, noch jetzt in ihrer Hilflosigkeit ein Wahrzeichen des Löwenmutes, mit dem hier gekämpft wurde.

Löwe von Chäronea
Die einzelnen, um den Transport zu erleichtern, hohlen Stücke sind gut erhalten, besonders ist das schöne Haupt ganz unversehrt geblieben, liegt aber auf dem Gesicht, sodaß seine Betrachtung sehr erschwert ist. Der Löwe saß aufrecht, nach Norden gerichtet; auf einem Postament, welches auf der Mitte der Nordseite der Gruft, die ein von Ost nach West gerichtetes Rechteck bildet, aufsetzend die Steineinfassung derselben nach außen und innen überragte. In der Gruft selbst fand man bei Gelegenheit der Ausgrabungen, welche die griechische archäologische Gesellschaft veranstaltete, nicht weniger als 185 Skelette, alle noch mit Spuren furchtbarer Verwundungen, in parallelen Reihen und anscheinend genau in der Lage, in der die Kämpfer den Geist aufgegeben hatten, neben einander gebettet. Die Errichtung des Denkmals fällt jedenfalls vor 335, das Jahr der Zerstörung Thebens durch Alexan der. Ein zweites Grab befindet sich daneben. So standen denn auch wir an dieser denkwürdigen Stätte und ließen die Ereignisse an unserm Geiste vorüberziehn, die hier ihren tragischen Abschluß fanden; hatte sich doch hier der Stern der alten griechischen Freiheit noch einmal zu hellem Glanze erhoben, ehe er für immer in dem Strom einer neuen Zeit versank. Die delphische Amphiktyonie hatte, übel beraten genug, den schlimmsten Feind des freien Hellas ins Land gerufen, um den Strafbefehl gegen Amphissa zu vollziehen, das die dem Gott geweihte kirrhäische Ebene wieder in Benutzung genommen und in dem wiederhergestellten Hafen am korinthischen Golf Zölle erhoben hatte. Sofort erschien Philipp, aber statt vom malischen Golf in dem Spalt zwischen Öta und Kallidromos durch die kleine Landschaft Doris gegen Amphissa zu ziehen, marschierte er durch die Thermopylen, besetzte und befestigte Elateia, den Schlüssel des wichtigen Passes, der über die lokrischen Berge nach dem obern Kephissosthal führte. Berühmt ist die Schilderung, welche Demosthenes in seiner Kranzrede von der Bestürzung entwirft, die diese Nachricht in Athen hervorbrachte.
Es war Abend, als der Bote eintraf, und eben saßen die Prytanen in ihrer Amtswohnung, der Tholos, bei der Tafel. Im Nu war diese aufgehoben, einige benachrichtigten die Strategen, die sofort Rat und Volk durch die Trompete auf den nächsten Morgen zur Versammlung einladen ließen, andere beeilten sich, den Markt von den Verkaufsbuden zu säubern und zündeten ein großes Feuer an, um das Landvolk zu alarmieren. Und als dann am Morgen noch vor Tagesanbruch der Demos vollzählig versammelt war und auf die Aufforderung des Herolds kein Redner sich zum Worte meldete, da war der große Moment im Leben des Demosthenes gekommen: in zündender, von reinster Vaterlandsliebe getragener Rede rät er seinen Mitbürgern, jetzt des alten Haders zu vergessen und der so lange gehaßten Rivalin Theben ehrlich die Hand zu reichen zur Abwehr des gemeinsamen Feindes. Seine Vorschläge wurden angenommen, aber fast noch größer war der Sieg, den seine Beredsamkeit gleich darauf in Theben errang, wo seine hochherzigen Worte alle Bedenken und Verlockungen einer feigen Politik überwunden und eine Begeisterung hervorriefen wie einst in den Tagen des Pelopidas und Epameinondas. Damit waren Philipps Pläne, der zum wenigsten auf die Neutralität Thebens rechnete, durchkreuzt und der Weg nach Böotien, der Paß von Parapotamioi, ihm versperrt, die Enge, wo sich zwischen Parnaß und Knemis der Kephissos hindurchdrängt. Wir hatten ihn von unserm Standort beim Löwen von Chäronea aus deutlich vor Augen. Zugleich wurden die vom malischen Golf nach Amphissa führenden Pässe besetzt und zum wirksamen Schutz dieser Stadt ein Söldnerheer abgesandt.
Dort nun bei Parapotamioi, wo auch der Paß von Elatea ins Kephissosthal einmündet, wurde längere Zeit mit wechselndem Glück gekämpft, bis Philipp durch eine List sich einen andern Zugang nach Mittelgriechenland eröffnete. Er verbreitete die Nachricht, er sei durch einen Aufstand der thrakischen Völker nach dem Norden abgerufen worden, und veranstaltete eine scheinbare Rückbewegung. Aber als die Besatzung der von Norden noch Amphissa führenden Pässe sorglos abgezogen war, kehrte er unversehens zurück, schlug das Söld nerheer, nahm Amphissa ein und zerstörte es. Durch einen ähnlichen Schachzug öffnete er sich dann auch den Paß von Parapotamioi und damit den Zugang in die untere Kephissosebene, die er schon von Anfang an zum Entscheidungskampf ausersehen hatte. So standen denn die Heere, auf griechischer 30000, auf Philipps Seite 20000 Mann stark, einander gegenüber, aber die größere Übung der Truppen, die einheitliche Oberleitung und vor allem die vorzügliche Reiterei gab Philipp über die Milizen der verbündeten Griechen das Übergewicht. Die Aufstellung der letzteren lehnte sich an die Stadt Chäronea an, ein weiteres Zurückgehen wird wohl darum vermieden worden sein, um das wichtige Orchomenos nicht preiszugeben. Auf dem linken Flügel standen die Athener, mit denen auf der Gegenseite Philipp selbst den Kampf aufnahm, auf dem rechten, mit Anlehnung an den Kephissos, die Böotier, denen unter Leitung des erfahrenen Antipater der achtzehnjährige Alexander gegenüberstand. Die Mitte der griechischen Schlachtreihe nahmen die kleineren Kontingente ein, Phoker, Achäer und Korinther.
Man wird annehmen dürfen, daß auf Philipps Seite ein verabredeter Schlachtplan bestand: der verstärkte linke Flügel sollte den Hauptstoß führen und die Schlachtreihe des Gegners von dieser Flanke her aufrollen, ein Manöver, das später Alexander in den Perserschlachten mit Vorliebe anwandte.
So entspann sich der Kampf. Die Athener eröffneten ihn und drängten den vielleicht absichtlich, jedenfalls in guter Ordnung weichenden König zurück. Auf dem rechten Flügel hielt die thebanische Phalanx dem Angriff des ungestüm vordringenden Alexander lange stand. Heldenmütig kämpfte hier die heilige Schar, deren letzter Ehrentag dies sein sollte, bis ihre Reihen durch die feindlichen Geschosse gelichtet und schließlich zusammengehauen wurden. Nun vermochte auch die übrige thebanische Phalanx nicht länger den Stoß der furchtbaren makedonischen Sarissa auszuhalten, sie wurde zurückgetrieben und ebenfalls zusammengehauen. Wenn man annehmen darf, daß, wie üblich, das Grab die Stelle bezeichnet, wo die Gefallenen am dichtesten lagen, so scheint auch das Gelände einen Fingerzeig zu geben, daß dort der Kampf am heftigsten gewütet hat. Während nämlich der Burghügel von Chäronea, ein Ausläufer des Thuriongebirges, nach Norden in die Ebene vorspringt, bilden östlich davon die Höhen ein einspringendes Halbrund, in dessen Mittelpunkt ungefähr das Löwengrab sich befindet. In dieses Halbrund also wären die Thebaner hineingetrieben worden, hier hätten sie den letzten heldenmütigen Widerstand geleistet und damit manches gesühnt, was sie seit den Tagen der Perserkriege an der Sache der griechischen Freiheit verbrochen.
Nachdem so der rechte Flügel geworfen und vernichtet war, konnte das Centrum dem Alexander keinen Widerstand mehr leisten, und nun warf auch Philipp in erneutem Ansturme die durch die Verschiebung der Schlachtreihe nach Süden abgedrängten und isolierten Athener zurück, von denen 1000 fielen, 2000 als Gefangene in die Hände des Siegers kamen. Die übrigen retteten sich über die Berge durch die Flucht, unter ihnen auch Demosthenes, der als einfacher Hoplit in Reih und Glied mitgekämpst hatte.
Noch zu Plutarchs Zeit zeigte man am Kephissos die Eiche, unter der Alexanders Zelt gestanden, und in der Nähe das Grab der gefallenen Makedonier. Die Athener wurden im Kerameikos, der öffentlichen Begräbnisstätte vor dem Dipylonthore, bestattet, und Demosthenes hielt ihnen die Leichenrede. Wohl hatte sein Feuergeist noch einmal die alte Freiheit zu retten gedacht, es war mißlungen; aber wer will es ihm verdenken, daß er nicht schon jetzt gleich dem Römer Cato an seiner Sache verzweifelnd den Tod suchte, wenn selbst der Sieger Philipp das zum äußersten Widerstand sich rüstende, noch immer seemächtige Athen mit der größten Schonung zu behandeln für gut fand und selbst die Gefangenen ohne Lösegeld frei ließ?
Ein leises Gefühl der Trauer und Wehmut beschlich uns an dieser welthistorischen Stätte; doch nicht auf allzulange: majestätisch winkte auch uns noch der mächtige, schneebedeckte Gebirgsstock des sagenumsponnenen Parnaß, umwoben vom goldigen Duft des lichtdurchflossenen Äthers, wie ein gewaltiger Querriegel die fruchtbare untere Kephissosebene gegen West abschließend. Davlia, die alte phokische Stadt Daulis, das an seinem Ostfuß liegt, war das auf besondere Empfehlung von Dr. Lolling in Athen von uns in Aussicht genommene Nachtquartier und jetzt unser nächstes Ziel. Rasch trugen uns die muntern Pferde durch die mehr und mehr sich verengende, von reichen Kornfeldern wogende Thalebene des Plataniá, eines Nebenflusses des Kephissos, dem blinkenden Bergriesen entgegen. Links auf der Höhe, über dem elenden Dorf Hagios Vlasis (St. Blasien) hebt sich deutlich die alte Akropolis von Panopeus heraus, das schon bei Homer als Heimat des Epeios, des Erbauers des hölzernen Pferdes, und als Residenz des Phokerkönigs Schedios genannt wird, der von Hektors Hand im Kampf um des Patroklos Leiche fiel. Auch als Sitz der wilden Phlegyer erscheint es in der Sage. Im Perserkriege (480) und dann wieder im phokischen Kriege (346) zerstört war es wieder aufgebaut worden, um aufs neue von den Römern in den Jahren 198 und 86 zerstört zu werden. Zu Pausanias Zeit war es jedenfalls sehr heruntergekommen, denn er macht die ironische Bemerkung, ob eine Stadt diesen Namen verdiene, die keine Altertümer, kein Gymnasium, kein Theater, keinen Markt und keine Quelle besitze. Das Merkwürdigste, was ihm dort gezeigt wurde, waren Klumpen von dem Lehm, aus dem Prometheus den Menschen geformt hatte!
Schon neigte sich die Sonne dem Gipfel des Parnassos zu und warf ihr schimmerndes Licht schräg über die grünen Berghalden im Vordergrund und über die weißen Schneefelder darüber; sie vergoldete die malerisch am Berg emporgeschichteten, mit ihren bunten Fensterläden freundlich dreinschauenden Häuser von Daulis, dem wir uns jetzt rasch näherten, stahl sich durch das frische Grün der Bäume, die in üppiger Frühlingspracht am wasserreichen Berghang den köstlichen Reiz des Landschaftsbildes wunderbar belebten. Wohl begriffen wir, warum gerade hierher die Alten die Sage von Prokne, der Schwalbe, und von Philomela, der Nachtigall, verlegten, die in süßen Klagelauten ihren gemordeten Sohn Itys betrauert. Bald hatten wir, von neugierigen Augen verfolgt, unser ganz am obersten Ende des Dorfes gelegenes sauberes Obdach erreicht, dessen Galerie die herrlichste Aus sicht auf Dorf und Thal bot.

Ruinen von Daulis
Doch es zog uns noch höher hinauf, um dem Mauerring der alten Stadt einen Besuch abzustatten. An einigen Mühlen vorbei, deren von hohen Bogen getragene Wasserrinne von üppigem Epheu umrankt war, führte uns ein bequemer Pfad auf ein steiles Felsplateau, das nur auf dieser Seite durch einen Sattel mit den übrigen Abhängen des Parnaß verbunden war. Hier lag das alte Daulis, das mit dem benachbarten Panopeus ungefähr die gleichen Schicksale hatte. Auf überhangenden Felsen, von Schlinggewöchsen überwuchert, erheben sich die Kalksteinquadern der Stadtmauer; ein von zwei Türmen flankiertes Thor nimmt uns auf in den Mauerring, der jetzt nur noch Gras und niederes Steineichengestrüpp umschließt, eine Weide für die Rinder und Ziegen des Dorfes. Besonderes Vergnügen machte uns ein alter griesbärtiger Bock; der Gourmand hatte hart am Rande des Abgrunds eine Steineiche erklettert, um die frischen saftigen Sprossen der obersten Zweige seinem verwöhnten Ziegenmagen einzuverleiben. Zutraulich zogen die Hirtenknaben, ein schlankes Völkchen mit blitzenden Augen, den fremden Gästen nach. Und von den an den Felsenrand keck aufsetzenden Mauern, welcher Blick hinab in den schwindelnden Abgrund, hinauf zu den auf einsamer Höhe thronenden Fichten und den Schneefeldern des Parnaß! Die Luft war von wunderbarer Klarheit, würziger Duft entströmte dem Erdboden, vom Dorfe herauf klang die melancholische Weise einer Hirtenflöte, sonst feierliche Stille ringsum: hier schien der Friede zu wohnen, hier glaubte man an dem Busen der Mutter Natur zu ruhen und dem geheimen Schlag ihres Herzens zu lauschen.
Und als wir hinabstiegen, fanden wir die großäugigen Töchter des Dorfs, lauter anmutige Gestalten, mit Thonkrügen und Wasserfässern an dem kaskadenartig vom Parnaß herabstürzenden Quellbach schöpfend. Mit welcher Anmut reichten sie den Fremdlingen den Krug zum Trinken, wie erfreute sie unser Eifer, ihnen behilflich zu sein! Es war ein Idyll, des Pinsels eines Malers würdig, die sich jedoch nur selten in diese an Farben und Motiven so wunderbar reiche Abgeschiedenheit zu verirren scheinen.
Am nächsten Tag war Hochzeit im Dorf, wir sollten verweilen und mitfeiern. Doch es ging nicht an; nur einen Besuch statteten wir zu viert noch am Abend im Hause der zwanzigjährigen, hübschen Braut ab und bewunderten die Unzahl von Decken, Paplomata genannt, die, in zweijähriger Arbeit von der Hand der Besitzerin mit Spitzen versehen, an der einen Längswand des Zimmers aufgestapelt waren und den Hauptgegenstand der Brautausstattnng bildeten. Uns zu liebe nahm sie aus der mit buntem Blech beschlagenen Truhe ihren Brautstaat hervor und legte ihn an, und beim Abschiedstrunk gab es eine besondre Ceremonie: sie berührte die Hand des das dargereichte Glas ergreifenden Gastes mit Lippen und Stirn, während wir beim Zurückgeben des Glases den Handkuß in gleicher Weise erwiedern mußten. Unter vielen Segenswünschen und, worauf von der andern Seite großer Wert gelegt zu werden schien, nicht ohne uns für die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich gezeigt zu haben, verließen wir das Brauthaus, den Brautvater zu einem Glase Wein in unsre Herberge mitführend Auf dem dunkeln Hofe stand ein sonderbares Tier, ein Esel mit gestutzten Ohren; doch wüßte ich nicht anzugeben, warum man Meister Langohr also seiner Zierde beraubt hatte.
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