BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Karl Jakob Hirsch

1892 - 1952

 

Kaiserwetter

 

1931

 

Dritter Teil

 

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Es knistert im Gebälk

 

Der Rechtsanwalt de Vries wurde sehr beneidet. Ihm gelang alles nach Wunsch. Aber er selbst traute seinem Glücke nicht, er schrak oft auf, wenn er am zufriedensten schien, und horchte auf das Pochen seines Herzens, das schnell und unregelmäßig schlug. Nach dem Tode des alten Lewinsky war sein Vermögen beträchtlich angewachsen. Johanna war einzige Erbin. Aber auch seine Praxis entwickelte sich, so daß er bald von sich sagen konnte, er sei der tüchtigste und gesuchteste Anwalt der Stadt. Der Rechtsanwalt frühstückte regelmäßig mittags von elf bis zwölf bei Mußmann. Er trank am liebsten zwei bis drei Glas Sherry, zu dem er von dem süßeren Wermut übergegangen war. Sherry, so pflegte er zu sagen, hat die Herbheit der Realität und die Süße der Träume. Für einen Rechtsanwalt war dies eine ungewöhnliche Ausdrucksweise, aber wenn jemand S. de Vries fragte, was er denn eigentlich hätte werden wollen, da er sich immer über die Juristerei lustig machte, so war seine Antwort: „Nichts oder vielleicht ein Neapolitaner.“ Dies war ihm unvergeßlich geblieben: ein Mittag auf der heißen, sonnenflirrenden Straße von Sorrento nach Capo, da war es ihm wie Vorwurf erschienen, tätig zu sein, ein schaffender Mensch, ein hastendes Wesen voll Zweck und Absicht. Dort empfand er das süße Nichtstun als gottgewollt, und im betäubenden Mittag wurde ihm sein Leben klar. Wie sagte Moritz Thaler?

„Die Juden arbeiten deswegen den ganzen Tag, weil sie nichts zu tun haben.“ Doch konnte er den Ehrgeiz nicht abtöten, nicht das Glänzen- und Mittelpunktsein-Wollen auf dieser Erde. Gott war eine wissenschaftlich widerlegte Tatsache. Er zitierte oft und gern den alten Virchow, der gesagt hatte: „Ich habe einige hundert Menschen in meinem Leben seziert, ich habe alles gefunden, aber keine Seele...“

Man kann nicht sagen, daß den Rechtsanwalt diese Wahrheit restlos befriedigte, aber sie war bequem und paßte in die Zeit. Darauf kam es an: in die Zeit zu passen, ein moderner, aufgeklärter Mensch zu sein und die trübe, stickige Vergangenheit zu belächeln.

Aber in Augenblicken, in denen er allein war, zu Hause oder im Gerichtssaal oder unter Menschen, die alle etwas von ihm wollten, überfiel ihn der Trübsinn und die Zerstreutheit, so daß er oft wunderliche Dinge tat. So hatte er kürzlich in einem Prozeß während der Verteidigungsrede blitzartig die Erkenntnis von der Schuld des Angeklagten.

De Vries wollte aufhören oder aufschreien, aber er formte seine Verteidigungssätze besser als jemals zuvor, aber es kroch ihm dabei kalt den Rücken hinauf, setzte sich als packender Schmerz ins Genick, griff ihn an die Kehle und würgte. Fast hätte er die Besinnung verloren, die Akten zugeklappt und wäre aus dem Saal gestürzt, wenn er sich nicht zusammengenommen hätte.

Der Angeklagte, ein Reisender einer Schnapsfirma, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Und als de Vries die fassungslos weinende Frau des Unglücklichen trösten wollte, schrie sie ihm ins Gesicht: „Sie haben schuld... nur Sie!“

Der Rechtsanwalt de Vries war vielen Dingen des Lebens mit Energie und Standhaftigkeit begegnet, er hatte sich über Lob gefreut, ja, er gierte nach Anerkennung, aber auch Ablehnung und Beschuldigung waren ihm nicht unbekannt. Diese Frau aber, diese gewöhnliche junge Frau (er wußte gar nicht recht, wie sie aussah), hatte ihn tief beunruhigt.

Schuld... Schuld, grübelte er, was ist das? Ich weiß es nicht, mein Vater wußte es noch, aber ich?

Otto Plümeke, der Verurteilte, war ein Reisender der Firma Klindworth & Kluck, die in ihrer Branche führend in der Provinz war. Aber ihre Spirituosen waren niemals in größeren Orten, sondern nur in kleinen und kleinsten Dörfern und Gemeinden abzusetzen. Der Großstädter mußte diese Erzeugnisse entbehren. Wohl ihm, denn wenn Plümeke etwas Gutes trinken wollte, vermied er ängstlich die Ware seiner Firma.

Man muß sich so ein Leben vorstellen!

Von Montag bis Sonnabend unterwegs, immer in der Eisenbahn oder kilometerweise zu Fuß, die Muster in einer Gepäcktasche mit sich schleppend durch Dreck und Wind und Sonnenschein, das war ein Hundeleben, ein armes Reisendenleben. Und dabei eine junge hübsche Frau zu Hause zu haben, das war schlimm. Der unerbittliche Wecker riß morgens um fünf oder spätestens um sechs den armen Ehemann hinaus in den dunklen Bahnhof, in einen kalten Zug, der nach irgendeinem schmutzigen Ort führte. Da fuhr nun Otto Plümeke hin und her, in der ganzen Provinz von Osnabrück bis Lüneburg, von Münden bis Bremerhaven.

In Eystrup hatte er einmal bei seinem Freunde Siefken über die Geschäftslage gejammert, und da tat Siefken (sein vertrocknetes Gesicht wurde ordentlich lebhaft) den Ausspruch: „Mit Anstand ist kein Geld zu verdienen...“

Otto war bis dahin ein Ehrenmann gewesen, aber er hatte dann und wann schon mal gedacht, ob das denn immer so weitergehen sollte, dies elende Leben. Als Junggeselle hatte er es nicht so gemerkt. Im Gegenteil, da gab es Abwechslung genug. In all den kleinen Hotels waren Schätze genug, die nicht anhänglicher waren als nötig, aber auch nicht zurückhaltender als notwendig. Bis er in Diepholz diese Geschichte bekam, die ja nun ausgeheilt war, und er ruhig heiraten konnte. Wann kam nun der große Coup für ihn? Er kam. In Gestalt des Herrn Max Winkelhoff aus Neustadt am Rübenberge.

Winkelhoff kam zu Siefken, und so im Gespräch machte es sich, daß Winkelhoff zu Otto Plümeke sagte: „Wollen Sie denn keine Zigarren mitnehmen... das ist doch ein Abmachen... und Zigaretten, wenn Sie wollen... ich habe sie ganz billig und ohne Steuer.“

„Ach, Herr Winkelhoff“, sagte Otto, „was meinen Sie denn, die Arbeit, die ich davon habe, lohnt sich doch nicht, und dann darf ich das nicht wegen der Firma.“

„Firma ist schiet‘‘, meinte Winkelhoff, fügte aber mit gesellschaftlicher Bildung hinzu, „womit ich aber keineswegs Ihre geschätzte Firma zu meinen beabsichtigte.“

Schließlich willigte Otto ein, nahm unversteuerte Ware und setzte sie tüchtig ab, bis der Staatsanwalt dazwischenkam und Otto und Max verhaftete.

Nun war der Prozeß zu Ende. Otto Plümeke bekam ein Jahr Gefängnis.

Es war ein häßlicher Tag, als Rechtsanwalt de Vries von Margarete Plümeke im offenen Gerichtssaal angegriffen wurde. Die arme Frau wurde von den Angehörigen beruhigt und abgeführt, während S. de Vries nach Hause fuhr.

Das Mittagessen schmeckte ihm nicht, Johanna schüttelte den Kopf, als er ihr den Grund seiner Mißstimmung mitteilte. So schlimm war das doch nicht, da konnte er doch nichts dazu, der Mann sei doch sicher schuldig und verdanke doch ihm noch eine milde Strafe, das sei doch nicht so schlimm, ein Jahr...

„Na, Johanna... was meinst du, wie das wäre, wenn ich...?“

„Rede doch nicht so einen Unsinn...“

„Das ist gar kein Unsinn, Johanna, das ist etwas sehr Natürliches, Verbrechen zu begehen. Meinst du, daß ich das nicht jeden Tag könnte, jeden Tag und jede Stunde...?“

Der Rechtsanwalt war aufgestanden, hatte die Serviette in der Hand und ging im Zimmer auf und ab.

„Unsere Wünsche werden nicht sichtbar, das ist der Unterschied. Wenn erst mal der Gedanke sichtbar gemacht wird, in zwei, drei Jahrhunderten bestimmt dann müssen die Gesetzbücher umgeändert oder verbrannt werden.

‚Schuldig‘, sagte die arme Frau zu mir, und sie hatte recht. Bleib ruhig, Johanna, es ist doch wahr, wir können nur reden... nur reden... nicht helfen. Das ist der Jammer!“

In diesem Augenblick kam Joe ins Zimmer; er war abgehetzt vom schnellen Laufen. Er kam aus dem Konservatorium. Joe setzte sich an den Tisch, Hastig uninteressiert löffelte er die Suppe hinu nter; einige Nudeln blieben an seinen Lippen hängen.

Frau Johanna sah nicht gern diese nachlässige Art.

Aber was wollte sie machen? S. de Vries hatte ähnliche Manieren.

„Iß anständig... Joe... nicht so schnell... das geht doch nicht!“

„Ja, Mutter, ich muß nach Tisch wieder fort, ich habe mich verabredet.“

„Mit wem...?“

„Laß doch, Johanna“, mischte sich der Rechtsanwalt hinein. „Ich darf doch noch meinen Herrn Sohn fragen. nicht wahr?“

„Ja... doch, ja... doch, aber...“

In diesem Moment kam das Dienstmädchen wieder ins Zimmer. Man schwieg also. Nur Johanna seufzte und sagte leise vor sich hin: „Ach du lieber Gott.“ Sie sah Unheil nahen, so konnte das nicht weitergehen. Joe trieb, was er wollte, war stundenlang fort, kam abends sehr spät nach Hause. Selbst Walter Haas, der doch eigentlich Joes bester Freund war, hatte kürzlich zu Johanna gesagt, er glaube, daß Joe mit dem Bernhard Tölle viel zusammen wäre. Das wolite nicht in ihren Kopf. Der wohlerzogene Joe und der unsympathische Proletarier- lümmel, der schon den Erwachsenen spielte und sicher schon Weibergeschichten hatte. Pfui... pfui... daran mochte sie gar nicht denken. Und mit ihrem Mann konnte sie nicht darüber sprechen; der sagte nur: „Laß, laß... Johanna... Joe wird schon wissen, was er will.“

S. de Vries saß in der Ecke des Zimmers und blätterte in der Zeitung. Der ewige Kampf um die Wahlvorlage beschäftigte das Blatt und die Erkrankung des Kaisers, die eingehend besprochen wurde, es handelte sich um eine Knieentzündung. Als ob es nichts Wichtigeres in der Welt gäbe, dachte de Vries, aber vielleicht war das ja sehr wichtig. Daß Ihre Majestät sich nicht so wohl fühle wie sonst, wurde von Potsdamer Hofkreisen bestritten. Naja...das konnte ja auch aufregend sein, gewiß. Und er selbst, der Rechtsanwalt de Vries, sah sich in manchen Augenblicken der Schwäche auf der Treppe des Rathauses stehen, vor Seiner Majestät.

Daß es eine Photographie von dieser Szene gab, wußte Johanna nicht. Es war auch zum Lachen! Irgendein Photograph hatte heimtückisch den Augenblick festgehalten, als Majestät die Front der Staatsbürger, der Veteranen und Handwerker abschritt. Und inmitten er: S. de Vries.

Die Photographie hatte er im tiefsten Grunde seines Schrankes im Büro verwahrt. Nach seinem Tode würde man sie finden. Er bedauerte sehr, es nicht mehr erleben zu können, wenn Johanna ihre wehmütig klagenden Augen machen würde. Wie immer, wenn etwas passierte, was sie nicht erwartete.

De Vries saß da und starrte in die Zeitung; die Buchstaben waren vor seinen Augen verschwunden: er sah ein weißes Blatt... und wie ein Schattenspiel die Szene im Gerichtssaal... er sah die dramatisch übertriebene Gebärde von Frau Plümeke... und sah sich selbst. Gar nicht groß und edel sah er aus, sehr verbogen und verkrümmt, wie ein alter geprügelter Jude...

De Vries ließ die Zeitung fallen. Johanna und Joe saßen noch immer am Tisch: jetzt wischte sich Joe mit der Serviette den Mund ab, sah mit seinen kurzsichtigen Augen hinter der Stahlbrille auf die Wanduhr und sagte: „Adieu... ich bin um sechs wieder da...“

Johanna sah ihren Mann an. Der zuckte die Achseln und ging in sein Arbeitszimmer, das neben dem Eßzimmer lag.

Als er die Tür schloß, sah er noch, wie Johanna ihr Taschentuch an die Augen drückte.

Allein im Zimmer, ließ de Vries sofort die Fenstervorhänge herunter und legte sich auf die Chaiselongue. Er wollte jetzt schlafen und alles vergessen. Die tiefe Unlust, die ihn seit Monaten befallen hatte, war nicht zu bekämpfen. Weder mit Energie noch mit Betäubungsmitteln. Auch der Alkohol versagte.

De Vries lag im verdunkelten Zimmer. Es war drei Uhr nachmittags. Bis halb fünf würde er Ruhe haben. Dann kamen die Klienten. Ach du lieber Gott, wie satt er die hatte, am liebsten würde er sich wegstehlen. Mit diesem Gedanken spielte er seit langem: sich fortstehlen aus diesem Leben... nicht in den Tod... nein... oder jedenfalls nicht gleich, auswandern wollte er, nach Übersee. Aber heimlich, ohne daß es jemand bemerken würde. .. Ja, das wollte er. Und allein sein, ganz allein. Die Menschen waren Vipern und wilde Tiere. Nun kamen ihm die Tränen, und er schämte sich nicht. Der sechsundvierzigjährige Rechtsanwalt de Vries, der beneidete und angesehene und beliebte Anwalt, weinte.

Um vier Uhr fünfzehn öffnete sich die Tür. Johanna kam herein, sie ging auf Zehenspitzen, sah auf den schlafenden Mann; sie mußte ihn wecken, denn die Klienten warteten schon. Ein Mann war gekommen und eine Frau in Schwarz. Johanna rüttelte den Schlafenden, der wachte sofort auf, rieb sich verlegen die kurzsichtigen Augen, suchte den Kneifer und sagte mit gereizter Stimme: „Ja... ja... danke schön...

Als de Vries die Tür zum Wartezimmer öffnete, sah er Margarete Plümeke vor sich. Erschrocken wollte er zurück, aber die Frau kam auf ihn zu, sie lächelte, sie war blaß, hatte feuchte Augen und weiße Zähne und war sehr schön.

„Verzeihen Sie, Herr Doktor...”, sagte sie und reichte ihm die Hand. Der Rechtsanwalt war erstaunt und verwirrt.