BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Karl Jakob Hirsch

1892 - 1952

 

Kaiserwetter

 

1931

 

Dritter Teil

 

____________________________________________________________

 

 

 

Mauserung

 

Aus einem kleinen Hund wird einmal ein alter struppiger Köter und aus einem rosazarten Säugling ein dicker, zigarrenrauchender Mann des praktischen Lebens.

Sie verwandeln sich bis zur Unkenntlichkeit, und nur das kindlich gebliebene Herz des Dichters kann noch in all dem Schutt und Moder, unter den Trümmern des verunzierten, aber nach menschlichen Begriffen vollkommenen Schöpfungsexemplares die ursprüngliche Anlage herausspüren... Joe de Vries wurde in den zwei Jahren, in denen er das Konservatorium besuchte, eigentlich immer weniger das, was man einen Musiker nennt: so einen genialen, haareflatternden Burschen, der nirgends hinpaßt und den man etwas angewidert und interessiert betrachtet. Joes Stellung im Konservatorium war die eines Außenseiters. Er blieb immer der ‚‚reiche Judenjunge“.

Hatte dieser junge Mensch Sorgen? Wohnte er nicht behütet und betreut in der schönen Villa in der Parkstraße, machte Reisen und las Romane und philosophische Bücher? Ein Musiker brauchte aber nichts anderes zu lesen als Harmonielehre und allenfalls Biographien der großen Klassiker.

Und wie sprach Joe über die Meister? Beethoven nannte er einen närrischen, aber recht begabten Wirrkopf, Wagner war ihm der Verderber der Musik überhaupt, Brahms fertigte er mit dem Urteil des Philosophen Nietzsche ab, der gesagt hat: „Brahms oder die Melancholie des Unvermögens.“

Was sollte man mit so einem jungen Mann anfangen? Valentin Prummer, der Lehrer für Komposition und Theorie, sagte einmal zu dem Kammervirtuosen Klapproth: „Wissen S’... was der da zusammenschreibt... dös is a Dreck...a neumodischer... aus dem wird nix, gor nix...“

Klapproth verteidigte seinen ehemaligen Lieblingsschüler zwar mit Nachdruck, aber auch er war sehr enttäuscht über die Entwicklung des kleinen Joe.

Eigentlich war nur einer zufrieden: Bernhard Tölle, denn Joe ging mit Vorliebe mit dem Briefträgerssohn um, zum Entsetzen Frau Johannas. Joe trank Bier und Schnaps und machte sich heftig lustig über den ästhetischen Zirkel seines Freundes Walter Haas. Musik schrieb er hastig und meistens nachts, wenn er spät nach Hause kam. Was war das für eine Musik?

Sie bestand aus zehn bis zwölf Takten und nannte sich „Klavierstück“ oder „Lied“, wenn irgendein Text mit vertont war. Ein kurzes Gedicht ohne Sinn und Verstand, von Joe selbst verfaßt. Er zog bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch, schlug leise eine Taste an, unhörbar, und schlug dann mit der anderen Hand einen mißtönenden Akkord. Dazu pfiff er oft eine Art von Melodie, etwas dramatisch Zugespitztes ballte sich wohl zusammen, ein Lauf, eine Triole, die sich stets wiederholte; aber wenn man gerade anfing, sich an den Spektakel zu gewöhnen, war das Stück schon zu Ende. Er sagte oft: „Ein Musikstück darf höchstens fünf Minuten dauern.“

Bernhard Tölle war gleicher Meinung. Nur aus einem anderen Grunde. Er glaubte, daß Joe die Menschen nur ärgern wolle. Er feixte vor sich hin, wenn er das Entsetzen der Zuhörer bemerkte.

Aber Joe meinte es ernst mit seiner Musik. Nur war in ihm ein Haß gegen alles Pathetische und Verlogene angewachsen. Er hatte tiefe und erschütternde Erlebnisse gehabt. Die Liebe zu Edith war in ihm zusammengebrochen, unter Hohngelächter und Spott...

In die Enge getrieben von ewig besorgten Eltern, zerbrochen von der Liebe zu Momber, der nun in einem anderen Engagement war, konnte Edith sich nicht länger behaupten. Ihr Stolz und ihr Spott waren zerschmolzen. Da war nun immer noch Joe, der zarte, rührende Freund, zu ihm konnte man mit allem Elend kommen, er lächelte, ging ans Klavier, um den verzehrenden, nie ins Harmonische zu lösenden „Tristan“-Akkord anzuschlagen, und dann löste sich der Schmerz in Dämmer und trüber Glückseligkeit auf...

So ging es aber nicht weiter. Joe wurde immer mehr ein Mann. Er warf alle Sentimentalitäten über Bord, ging kalt und wichtig-spöttisch tuend umher und war nicht mehr der alte. Edith und Joe verstanden sich immer weniger. Das Bürgertöchterchen von zwanzig Jahren, das zwar schon etwas erlebt hatte, aber doch immer behütet geblieben war, und der Musiker Joe entfernten sich immer mehr voneinander. Das war für beide schmerzhaft.

Da geschah es, daß Joe eines Abends forderte, Edith und er sollten verreisen. Drei, vier Tage nur, ans Meer oder in den Harz. Es gab einen langen Kampf darum. Edith weigerte sich. Joe ging fort.

Er kommt schon wieder, sagte sich Edith. Sie kommt schon wieder, sagte sich Joe. Aber es geschah nichts dergleichen. Acht Tage vergingen, vierzehn Tage, in denen Joe und Edith sich nicht sahen. Dann aber ging eines Abends um sieben Uhr das Telefon in der Wohnung des Rechtsanwalts de Vries.

Ediths dunkle vibrierende Stimme verlangte „Herrn Joe“. Aber das Dienstmädchen sagte, es sei niemand von den Herrschaften zu Hause. Ja, sie kämen zum Abendbrot... der junge Herr... das wüßte sie nicht. Ja, das würde sie ausrichten, daß das gnädige Fräulein angeläutet hätte... danke schön...

Joe rief nicht an, und Edith wartete. Joe ging ins Konservatorium, ins Cafe Kröpcke, mit Walter Haas spazieren und redete über Symbolismus, verspottete die Ästheten und trank mit Bernhard Tölle zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten Bier und Schnaps. Ging umher wie ein Berauschter, wie ein von der Verzweiflung Gepackter und jubelte doch innerlich: „Sie hat angeläutet.“

Das wäre bestimmt so weitergegangen, wenn nicht Joe eines Nachts um zehn Uhr in der Bols-Likörstube ans Telefon gegangen wäre und zu seinem eigenen Erstaunen mit Edith gesprochen hätte. Sie hatte eine kleine, demütige Stimme, aber Joe, durch zwei „Helgoländer“ mutig gemacht, sagte ihr, sie wollten den übernächsten Tag zusammen nach Bremen fahren. Warum Bremen...? Ach, das sei so eine Idee. Er solle doch erst noch morgen zu ihr kommen und alles besprechen. Nein, das wollte er nicht. Aber er tat es doch.

Sie verabredeten, daß sie sich in Bremen treffen wollten, obwohl Joe gern mit Edith stolz von Hannover abgefahren wäre.

Joe reiste also nach Bremen, Edith wollte ein paar Stunden später nachkommen. Eigentlich hatte Joe etwas Angst, er wußte keineswegs, wie man sich als Entführer benehmen mußte. Und seine Erfahrungen mit Frauen waren sehr unvollkommen gewesen, was niemand wußte, trotz seines Umgangs in Bars und Tanzdielen, trotz Bernhards Freundschaft und mancher Knutscherei mit kleinen Ladenmädchen...

Joe fuhr stolz und etwas bange zugleich in seinem Zweiter-Klasse-Coupé nach Bremen. Eigentlich bedauerte er schon jetzt diesen Streich, aber er konnte nichts mehr ändern. Seinen Eltern hatte er gesagt, er würde mit Bernhard Tölle in die Heide fahren, es war ja Juni, und Edith hatte einen ähnlichen Vorwand gebraucht. |

Übrigens wollte Joe mit Edith nicht in Bremen bleiben. Berni, der Freund und Alleswisser, hatte dringend geraten, nach „Klein-Holland“ zu fahren.

„Pikfein... sage ich dir, Joe, das ist gerade für so was eingerichtet... mein Alter ist ja im selben Ort... grüß schön.“

So hatte Joes Plan schon genauen Umriß, und nun fehlte nur noch Edith.

Die Stunden in Bremen vergingen sehr langsam. Er setzte sich vor Hillmanns Hotel in den Garten und trank Kaffee, sah noch rechtzeitig Moritz Thaler auftauchen, rechtzeitig genug, um schnell zu verschwinden. Denn der durfte ihn nicht sehen; dann ging er zum Bahnhof.

Der Zug lief ein. Ediths blasses Gesicht wurde sichtbar. Joe sprang ihr entgegen, nahm Tasche und Mantel und wußte vor Aufregung nichts zu sagen.

Aber was war mit Edith geschehen? Sie war wie verstört, sie sagte seltsame Dinge, wie: „Ach Joe... das ist sehr schlimm, können wir gleich in den Wartesaal... ich muß in einer Stunde wieder zurück.‘ Joe hielt das für einen Witz, er lachte und sagte: „Gott sei Dank nicht.“

Als sie im Wartesaal saßen, erzählte Edith unter Stocken und Weinen, indem sie Joes Hand preßte, daß sie sich gestern abend verlobt habe...

„Verlobt... bist du verrückt?“

„Ja... ich konnte nicht anders... .sieh mal... ich hab dich doch wirklich lieb... aber wir können doch nicht heiraten... meine Eltern setzen mir so zu... seit Jahren... und besonders in den Wochen... in denen du nicht mehr kamst... also... gestern abend plötzlich erklärte mir mein Vater... daß ich heiraten müsse, so ginge das nicht weiter... und ich habe geredet und mich gewehrt... aber es nutzte nichts... . ich hatte auch solche Angst um uns...“

Und so erfuhr Joe, daß Edith sich mit Herrn Max Meyerstein, in Firma Meyerstein & Meyerstein, Bamberg, verlobt hatte. Sie kannte ihn schon seit einigen Jahren, er sei ganz nett, und gestern abend wäre er plötzlich beim Abendessen dagewesen, und sie hätte sich entscheiden müssen...

Joe war erstarrt. Er spürte seine Kehle trocken werden, sein Herz schlug dumpf und stark, er wußte nicht mehr, wo er war. Eine Fliege kroch über das karierte Tischtuch, saugte an einer Brotrinde. Eine andere kam... sie summten umeinander herum... fanden noch etwas Zucker auf dem Tischtuch... dann flogen sie fort... Der Mann vor ihm hatte seinen Rockkragen nicht gebürstet... Eine Frau hatte einen Schnupfen und wischte sich mit einem rotwollenen Taschentuch die Nase... Der Kellner stand am Fenster und gähnte, und am Himmel war kein Wölkchen zu sehen. ..

Joe stand auf; er sagte kein Wort, nahm Ediths Tasche und Mantel. Edith hatte Tränen in den Augen, faßte seinen Arm. „Joe... Joe“, sagte sie, ‚was soll ich denn tun?‘ Der Zug kam, in Richtung Hannover; Joe sprang hinein, belegte einen Platz für Edith, stieg wieder aus.

Höflich stand er vor dem Fenster, sah in die Luft.

„Warum fährst du nicht mit?“ fragte Edith.

„Ich... was soll ich denn in Hannover... was soll ich da...? Soll ich mich schießen... mit deinem Bräutigam... oder weiß er nichts von mir?“

„Ich habe Max... alles gesagt...“

So sprach Edith, die kluge, besondere, spöttische, liebende Freundin. Und Joe begann zu lachen. Er lachte so furchtbar, daß die Passagiere ihn wütend ansahen und Edith nicht wußte, was sie sagen sollte.

Er lachte mit offenem Mund, schallend, laut... er schlug sich auf die Knie dabei und benahm sich wie ein Verrückter.

Der Zug war abgefahren. Joe hatte nicht Ediths entsetztes Gesicht am Fenster gesehen, nicht ihren verzweifelten Versuch, ihn zu beruhigen, nicht ihre Sehnsucht, ihn noch einmal zu küssen. Er hatte nichts bemerkt; er stand da und lachte...