Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Dritter Teil
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Sonnenflecke
Daß Moritz Thaler ein glücklicher Mensch gewesen wäre, als er Klein-Holland“ unter Dach und Fach gebracht hatte, kann niemand behaupten. Seine händereibende, lärmende Begeisterung über das Etablissement war sehr unecht. Das fiel sogar Wanda Zietemann auf, die sich eigentlich über nichts mehr wunderte.Als sie zum drei- oder viertausendsten Male in ihrem Leben den Morgenkaffee einschenkte, sagte sie: Tscha, Herr Thaler... was so die Leute reden .. das soll ein schrecklicher Betrieb sein... da draußen... i gitt... i gitt...Nanu... was soll das heißen... was geht das mich an? Wie? Bin ich Budiker... oder Aufpasser...?“Thaler war wütend. Das Geplärre und Gerede ging ihm über die Hutschnur. Zum Teufel auch! Da war er nun vor ein paar Wochen draußen gewesen, die Gesine, das schnippige Aas, hatte gesagt: Herr Thaler braucht nicht immer zum Aufpassen kommen... wir können das alleine. Ich sage dir, Hermann... es passiert was, wenn der noch öfter kommt...“So sprach Gesine Geffken zu Hermann Wendelken in der Gaststube des Etablissements Klein-Holland“ mittags zwölf Uhr, sie sprach laut und deutlich, und Moritz Thaler kam gerade in die Tür herein. Er hörte alles, schlich sich auf Zehenspitzen rückwärts und ging erst mal spazieren.Dann kam er eine Stunde später wieder an... freundlich feixend und aufgeräumt. Er glaubte nicht recht zu sehen, als er den jungen Herrn Joe de Vries in dem Restaurant beim Frühstück sitzen sah. Nanu... was macht der denn hier? Guten Morgen, Joe, na, auf Ferienreise? Das ist ja nett. Was macht der Herr Papa... und die Frau Mama... alles wohl...?“Danke, Herr Thaler... ich bin seit gestern hier... wollte mal ein paar Tage mich erholen...“Schön, junger Mann... schön.“Wendelken trat auf. Er hatte einen alten dreckigen Anzug an und war sehr mürrisch. Kaum daß er Thaler guten Morgen sagte. Moritz wußte, warum.Na, Herr Direktor... wie geht der Laden...?“Gehen, Herr Thaler, davon kann keine Rede sein. Ich muß Sie mal sprechen... sehen Sie...“Nee... Wendelken... lassen Sie mir etwas zu essen bringen... dann wollen wir reden...“Als das Essen kam, sagte Thaler zu Joe: Setz dich doch zu mir... was machst du so?“Joe war etwas verlegen. Er war nach Ediths Abreise allein hinausgefahren, nach einigen schrecklich qualvollen Stunden. Hier war großer Betrieb gewesen, Musik und Tanz. Er hatte sich mit der Chansonette angefreundet, und ihm kam das alles noch traumhaft vor. Das also war das erste Abenteuer. Joe fühlte sich eigentlich sehr glücklich darüber. Die kleine Pussi Lindström war zärtlich und nett gewesen. Als sie nachts zu ihm in das Zimmer gekommen war, war alles so natürlich zugegangen wie möglich. Die Welt war sehr einfach... sehr einfach... und Joe fühlte sich befreit von Edith und von – drückender Einsamkeit.Aber das war so gleichgültig... Besser Pussi als Edith, so sagte sich Joe vierundzwanzig Stunden nach der Trennung von seiner großen Liebe“.Ja, Herr Thaler, ich bin Musiker, studiere in Hannover, leider, ich möchte lieber nach München oder Berlin oder sonstwohin....“Das verstehe ich, aber glaub nur ja nicht, Joe, daß das da anders ist. Sieh mal... ich kenn das... diese Städte. Ich kenne Paris und London, tja, und was du noch willst, aber es ist doch gleichgültig, wo man ist, wenn man nur... zufrieden ist.“Nein, Herr Thaler... Zufriedenheit ist nicht mein Ziel. Ich will niemals zufrieden sein...'Thaler wiegte den Kopf hin und her: Junger Mann, du bist verrückt, aber begabt... willst du mal was spielen... Da ist doch ein Klavier... sieht schön aus..., schimpfte er, als er die Tasten sah: Diese Schweine!“Joe spielte. Er phantasierte in seiner starren und kalten Art. So begann er: ein Thema, eckig und nur mit einem kleinen Triller verziert, das war der Vogel, der heute früh vor dem Fenster gesungen hatte...Als Joe zu Ende war, saß Moritz Thaler in der Ecke des Sofas und schlief. Nicht daß es ihn gelangweilt hätte, aber er war innerlich so müde, daß er nur verstummen, nur seine gottverfluchte Aktivität mal beiseite zu legen brauchte, um sofort wegzusacken. Joe ging aus dem Zimmer. Die Juniwärme strahlte über den Garten. Pussi fiel ihm ein, wo war sie denn? Ja, sie wollte heute früh nach Bremen fahren, da hatte er noch geschlafen, aber abends würde sie wiederkommen. Joe überlegte, ob er nicht lieber abreisen sollte, das wäre das beste. Vielleicht tat er es doch noch.Wie er da so durch den Garten geht, kommt ein Mann auf ihn zu. Er hat Uniform an, es ist Emanuel Tölle.Na...ich kenne Sie doch“, sagt Joe verbindlich. Sie sind doch Bernis Vater?'Ja... Herr de Vries... wenn ich nicht irre... was machen Sie denn hier...?“Ich bin gestern gekommen... wollte Ihnen natürlich noch von Bernhard Grüße bringen, aber ich konnte gestern nicht mehr.“Aber Herr de Vries...“ Emanuel lacht, er ist stolz, daß sein Sohn so vornehme Bekannte hat.Das Gespräch zwischen Emanuel und Joe war schwierig, der Briefträger wußte nicht recht, was er sagen sollte, und Joe auch nicht. Tölle sagte: Haben Sie sich mal die Gegend angesehen... die ist ganz nett... da gehen Sie hier mal durchs Wäldchen, da kommen Sie an den Fluß, da können Sie ein Boot mieten... und ein bißchen spazierenfahren... wollen Sie...?“Joe sagte ja... sagte, er würde wohl abends das Vergnügen haben und Herrn Tölle noch mal sehen... dann ging er die Dorfstraße hinunter. Es war herrlich. Die jungen Enten und Küken watschelten zwischen den Gärten herum. Kleine Schweinchen sprangen und quiekten, die Leute auf der Straße waren alle so freundlich. So schien es Joe. Die Leute waren ebenso mürrisch wie sonst, sagten Tach ok“, knapp und ungern...Aber Joe war ein anderer geworden. Er glaubte kaum, daß vor ihm Menschen schon so glücklich waren, er hatte das Gefühl, als ob zum ersten Male in seinem Leben in sein Inneres Stille eingezogen wäre, tiefe, glänzende Ruhe. Solange er denken konnte, ertönte immer Musik in ihm, in seinem Herzen sang es und musizierte es, er hatte die Erde noch niemals gesehen.Wie Joe durch das Frühlingswäldchen ging, hörte er mit einem Male nicht mehr seine Musik, sondern das selige schwingende Stillschweigen der Natur. Es war ihm, als ob die höchste Freude seines Lebens begonnen hätte. Es war still in ihm, kein Dröhnen der Posaunen mehr und kein Violinenjammer.... still war es... und die Schöpfung um ihn begann zu klingen... keine Melodie... eine ewige Fermate dröhnte silbern, Stillstand und höchste Bewegung zugleich... So ging Joe spazieren, und Moritz Thaler saß im Restaurant des Etablissements Klein-Holland", schlief, schnarchte mit offenem Munde, während die Sonne ins Zimmer schien und die Herrlichkeiten des Etablissements vergoldete. Flaschen und Gläser erglänzten, und der Staub wirbelte im Zimmer vom schlecht gesäuberten Fußboden empor.Als Moritz erwachte, saß Wendelken ihm gegenüber und hatte eine Menge Papiere vor sich.Na, du Generaldirektor', krächzte Thaler und gähnte laut, was hast du schon wieder?“Wendelken räusperte sich. Moritz wurde sehr elend zumute.Herr Thaler, ich habe ja nun bewiesen...“Gar nichts hast du bewiesen... . gar nichts... . was ist denn los...?"Ich wollte nur sagen... daß ich und Gesine die alleinigen Besitzer hier sein möchten...“Hermann Wendelken sagte diesen Satz wie ein Schuljunge auf, er stammte nicht aus seinem Vorrat, aus seinem Gehirnzettelkasten, dieser schöne Satz war in Gesines Gehirn geboren, das war Gesine, die aus ihm sprach.In der folgenden Unterhaltung beschränkte sich Thaler aufs Grinsen und Wendelken aufs Reden. Beiden wurde es sauer. Hermann hatte hinter sich die Stachelpeitsche von Gesines Zunge, und Moritz sah sich umstellt und eingekeilt, aber er war darauf vorbereitet. Man wollte ihn einfach ausbooten und als alleiniger Eigentümer von Klein-Holland“ auftreten.Hermann redete sich in Wut, seine langsame Sprechweise wurde ihm selbst beschwerlich. Während er komisch Juristisches vorbrachte, dachte er innerlich: da hab ich mir was Schönes eingebrockt, diese verdammten Weiber, diese verfluchte Frauensperson, aber was soll ich tun... da muß ich nun meine Schnauze riskieren, verdammt noch mal, und was kommt dabei heraus... gar nichts, und schließlich habe ich den Schaden allein auf dem Halse...So dachte Hermann Wendelken, während er in wohlgesetzter Rede seine Forderung vorbrachte.Moritz feixte innerlich... die würden schon sehen... wenn er, Moritz Thaler, seine Hand von dem Unternehmen“ zöge, die würden zu Kreuze kriechen.... bestimmt... .!Hören Se mal, Wendelken", Thaler kniff das eine Auge noch mehr zusammen, was Sie da wollen... geht nicht; verstanden? Ich bleibe in der GmbH.“Aber ich bin doch als Geschäftsführer im Grundbuch...“Ein Dreck sind Sie...“, sagte Thaler und stand auf.Da fuhr Gesine wie auf ein Stichwort im Theater ins Zimmer, sie stemmte die Arme in die Seite und keifte, daß die Wände zitterten.Sie hätte keine Lust, sich für Thaler abzurackern... entweder würden sie auch de facto Eigentümer, ohne einen Pfennig abgeben zu müssen... oder es würde was passieren.Thaler hörte sich die Sache an, dann sagte er: Gut... bon... bene... allright..."Er stand auf, nahm Mantel und Hut.Aber Herr Thaler, wir wollen doch darüber sprechen.“Wendelken verlor seine Sicherheit: Wir können uns doch einigen... sehen Sie mal.“Thaler sah sich den Wendelken an, die ganze Jämmerlichkeit dieser Kreatur wurde ihm klar.Wendelken, wenn Sie was von mir wollen“, er betonte das Sie“ und das mir“, dann wissen Sie ja meine Adresse... bon jour...“ Er ging, sah durch das Fenster, wie Gesine in der Gaststube mit einem Mann redete... sie hatte einen ganz roten Kopf, der Mann war Emanuel Tölle.Verdammte Sippschaft... dachte Thaler... die würden sehen, was das heißt, mit Moritz Thaler schlittenfahren... diese verkommene Gesellschaft... er würde sie allesamt verhungern lassen... allesamt...Er ging die Straße hinunter zum Bahnhof, da traf er Joe de Vries: Junger Mann, wenn du Lust hast und die Nase voll... dann komm mit mir... hol deine Plünnen... ich reise ab.“Aber Joe dankte. Er wollte noch hierbleiben, noch einen Tag oder zwei. Aber er würde Herrn Thaler noch in Bremen besuchen.Mach das, soll mich freuen...“ Thaler tippte an seinen alten, verregneten Hut.Joe war sehr glücklich, er würde noch etwas arbeiten in der Laube im Garten. Dann würde er sich Kaffee bestellen, und bald müßte ja Pussi kommen...Im Wartesaal traf Thaler einen Bekannten aus Bremen, der setzte ihm auseinander, daß man sein Geld am sichersten in Schiffahrtsaktien anlegte.Aber Thaler interessierte es nicht, er dachte an die dumme Geschichte und grübelte.Als er im Zuge saß und die fetten Weiden und Wiesen sah, dachte er daran, mal wieder zu verreisen, nach Ostende oder Biarritz... weg von diesem Dreck hier.Wie er die Menschen haßte, diese langsamen, kurzstirnigen Menschen... und diese Kühe von Frauen... Gott sei Dank, daß er nicht mit so einer verheiratet war. |
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